Aufstellungen – was soll das denn sein?

Ende April fand in den Räumen des Breitensportvereins ein erstes Aufstellungs-Seminar statt.
Da stellt sich sicherlich so manchem die Frage: „Aufstellungen – was soll das denn sein?
Dies zumal am 15. Oktober auf Wunsch der Teilnehmer/innen eine Fortsetzung stattfinden wird.
Weitere Informationen gerne über meine Praxismailadresse: info@lindemann-coach.de

Hier starte ich mal den Versuch, zu erklären, was wir da so machen … und warum bzw. was da bewirkt werden kann.

Screenshot aus dem WDR-Video Familienaufstellung: Wege aus der Psychokrise
Die Technik des Aufstellens

Bei dieser, aus dem therapeutischen Kontext stammenden, Methode (die heute gerne in Coachings im beruflichen Kontext genutzt wird), werden Gruppenmitglieder angefragt, ob sie sich als Stellvertreter für jemanden oder etwas im Raum aufstellen lassen.

Dann nimmt die oder der Aufstellende die Person schweigend und ohne vorher etwas zu seiner Situation erzählt zu haben, bei den Schultern und stellt die Person – ohne Kommentierung oder darzustellende Gesten – an einen Platz im Raum. Durch das einfach Hinstellen werden Beziehungen zueinander – sozusagen pur – räumlich dargestellt.
Sichtbar wird eine subjektive wirksame Wirklichkeit der/des Aufstellenden, das inneres Bild eines Systems, seien es Familie, ein beruflicher Kontext, Selbstanteile (gesunde wie kranke z.B.) oder ein anderes Modell.
Dabei entstehen bei den Stellvertretern, die für eine Personen oder einen Aspekte des Themas gestellt wurden, über den Ort, an den sie gestellt wurden, über die Ausrichtung, über Nähe bzw. Abstand wie aus der Relationen zueinander fühlbare Eindrücke, die abgefragt werden können.
Da die Aufgestellten keinerlei Informationen über das System des Aufstellenden haben, sind sie frei vom Wissen über die „Übereinkünfte“, was im System der/des Aufstellenden dazugehört oder was dort Tabus ist.
So können von der aufstellenden Person bisher nicht gesehene, nicht bedachte oder nicht beachtete Gesichtspunkte, Zusammenhänge, Motive oder gar Personen ans Licht kommen.
Das ist eine ganzkörperliche Erfahrung für alle Beteiligten, denn in beiden Rollen (aufstellend / stellvertretend) ist man mit eigenem Erleben und persönlichen Prozessen involviert.
Dennoch sind die Aufgestellten lediglich ein Medium, das sich empathisch in ein fremdes System eingefühlt hat. Das ist insbesondere Spürbar, wenn sich das eigene Körpererleben, mittels somatischen Marker, an den verschiedenen Plätzen im Raum ganz unterschiedlich anfühlt oder plötzlich Emotionen hervorgerufen werden.
So gilt es, sich nach dem Ende der Aufstellung die Rolle wieder “abzuschütteln”, sich wieder frei zu machen.

Wozu?

Im Seminar ermöglicht das gemeinsame, wohlwollende Anschauen von Wirkräumen und das bewusste Prozessieren sowohl veränderte Beziehungen, Klärungsmöglichkeiten und konstruktive Konfliktbewältigung für offensichtliche wie für unbewusste Prozesse, die nun integriert werden können. Bindende Verstrickungen können in Frage gestellt und überwunden werden. Auch unterbrochene Bewegungen können hier symbolisch und stellvertretend zu Ende gebracht werden. Fälschlicherweise Übernommenes kann zurückgegeben, Verlorenes oder Aufgegebenes kann wieder aufgenommen werden.
Erst wenn etwas bewusst wird, lässt sich wählen. Solange man nichts merkt, muss man ertragen, was ist.
Denn das Unbewusstes wirkt, obschon – oder gerade weil – wir es nicht wissen: Wir stolpern eben eher in Löcher, die wir nicht sehen, als in solche, die klar erkennbar sind.
Erst nachdem etwas aufgefallen ist / ein Fehler bewusst geworden ist / eine Krise entstanden ist, können (Richtungs-) Entscheidungen getroffen und das eigene Leben als eigener Chef gestaltet werden.

Ziel der Aufstellung ist es, aus dem meist problembehafteten Anfangsbild ein Wirkbild zu finden, das für alle Beteiligten eine deutliche Verbesserung und ein größeres Wohlbefinden bedeutet.
Durch das Verfolgen des in der Aufstellung ablaufenden Prozesses, den der/die Aufstellende von außen betrachtet, wie später auch durch Eintreten und Hineinspüren in das Endbild, werden im Alltag Veränderungen möglich, da sich Perspektiven wie Haltungen verändern. Wo alte Konzepte bisher blockierend wirkten, kann durch die Arbeit ein ver-rücktes Bild zurechtgerückt werden und ein neues Bild (er)lösend wirken.

Theoretische Überlegungen

Wir existieren nie ohne „Umwelt“ / ohne Kontexte* und Interaktionen, die in Feedbackprozessen auf uns zurückwirken. So bringen wir die Welt, wie sie uns erscheint, mit anderen zusammen hervor.
Systemisch gesehen orientiert sich unsere Aufmerksamkeitsverteilung, unser Erleben, Fühlen, Denken und Verhalten kontextabhängig; d.h. bestimmte Erlebens- und Verhaltensweisen tauchen in Abhängigkeit von Situationen auf, sind nicht unbedingt Persönlichkeitsmerkmale oder Charakteristika.
(*Kontext = Zusammenhang mit dem umgebenden Text, unserer Erklärung, Deutung, Bedeutungsgebung, wie auch Zusammenhang von Umständen in und Zeit und Raum, in dem wir uns allein oder mit anderen zusammen befinden.
Wir sind nicht so oder so, sondern unter diesen oder jenen Bedingungen erleben und verhalten wir uns so oder so.)

Im Ergebnis trägt Jede und Jeder Bilder/Modelle/Skripte von der Welt, von sich und seinen Beziehungen als subjektive Wirklichkeiten mit Motiven, Erlebens-, Fühl-, Denk- und Handlungsmustern, Bindungsstilen, Erinnerungen und Erwartungen in sich. Diese inneren Bilder/Verarbeitungsmuster sind relativ statisch/konstant, wie Bilder eben sind.
Sie helfen in „Standardsituationen“ den Alltag energiesparend zu bewältigen.
Die äußere Realität verändert sich jedoch im Laufe der Zeit und unter veränderten Umständen und Anforderungen können die vertrauten Reaktionsweisen dann auch hinderlich oder destruktiv wirken, als Stressoren am Krankwerden beteiligt sein.

Oft mussten wir schon als Kinder aus unvollständigen Informationen und Unwissenheit Konzepte, Pläne, Erlebens- und Verhaltensmuster entwickelten, die nun in der therapeutischen Bearbeitung ergänzt oder mit neuen Bezügen gedacht und ausprobiert werden können.
Viele der Wirkfaktoren, die unser Leben beeinflussen / mit denen wir selbst unser (Er)Leben beeinflussen, sind uns nicht bewusst. Sie rühren zum Teil schon aus (genetisch wie epigenetisch) ererbten Erfahrungen vorhergehender Generationen in anderen Zeiten her oder aus eigenen frühen Erlebnissen, die wir nicht mehr wissen (kindliche Amnesie) oder die wir verdrängt oder gar abgespalten haben. Sind aber wesentliche Bedingungsmomente ausgelassen, Bezüge vernachlässigt, verwechselt, verdreht, idealisiert, verteufelt oder folgen Handlungsweisen Hoffnungen, Ideologien oder Illusionen usw., schaffen diese Unsicherheiten wie Ungerechtigkeiten.
Aus ungezügelten Reaktionen wie aus starker Zurückhaltung entstehen typischerweise Spannungen, die schmerzhaft werden können, die zu Ängsten und verminderter Neugierde und damit weniger Weltwissen führen, deren Folge Depressionen und anderen psychischen oder psychosomatischen Auffälligkeiten werden können.
Insbesondere lohnt es im Alltag auf chronische und typische Reaktionsmuster zu achten, die zu vorhersehbaren, aber oft (noch) nicht steuerbaren Abläufen führen, die vielfach nicht gut tun. Denn bestimmte Trigger lösen automatisierte emotionale und irrationale Reaktionen aus, statt rationale oder regulierte.
Je mehr Menschen dann nur sich sehen, beherrschen wollen, umso weniger gelingt Kontakt, Zuhören, sich berühren lassen und wirkliche Antwortbeziehung.

Erst all das, was wir uns ins Bewusstsein holen können, ermöglicht es uns aktiv und selbstbestimmt zu wählen, passend zu (re)agieren und das eigene Leben selbstfürsorglich oder auch altruistisch zu gestalten.
Statt dass Angst, Spekulation, übertriebene Kontrolle oder Manipulation und das suggerieren von „Welt-Verfügbarkeit“ wirkt, kann der Mut Hinzuschauen am Ende mehr Flexibilität, Kraft, Vertrauen, Zuversicht, Mut, Offenheit und Resonanz, Empathie, Hingabefähigkeit, Humor, Gelassenheit, Kreativität und Zivilcourage für die Gestaltung unseres Lebens ermöglichen.
Das gelingt, weil wir – neben der subjektiven Wirklichkeit eines und einer Jeden – mit anderen zusammen mehr von der Realität erkennen können bzw. weil mit anderen eine tragfähige gemeinsame Wirklichkeit verabredet werden kann.
Das hilft Regeln zu haben, die zielführend sind, wenn Wort gehalten wird.
Das hilft, sich in der Welt zu orientieren, sich sicherer zu fühlen und zugleich mehr Energie frei verfügbar zu haben.
Es braucht also sowohl die eigene Achtsamkeit wie die anderen und ihre differenten, ergänzenden Sichtweisen.

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Ein kleiner Nebeneffekt dieser Selbsterfahrungs-Weiterbildungsveranstaltung könnte sein (und wünsche ich mir), dass sich in und um Biebertal ein Netzwerk an Unterstützung entwickelt, bei dem Menschen zugewandt zuhörend, vielleicht sogar aufhörend im Sinne von Harmut Rosa miteinander sind.
Denn das Einhalten der Schweigepflicht über die Belange anderer und über Informationen von anderen ist in dieser Veranstaltung Voraussetzung zur Teilnahme. Nach dem Seminar kann jede/r gerne über eigene Erfahrungen sprechen, nicht aber über andere Menschen – von wegen “stiller Post”-Effekte, die dann nicht zu vermeiden sind.
Wesentliches Sprechen ist immer Mitteilung von eigenen Belangen, Gefühlen, Wünschen, Vorstellungen und Beweggründen.

Was ist ChatGPT?

KI künstliche Intelligenz mit all seinen vielen Anwendungsmöglichkeiten nimmt eine immer größere Rolle in der Arbeitswelt wie auch im privaten Leben ein – bietet viele Annehmlichkeiten und Vorteile, aber auch Gefahren.
Insbesondere der revolutionäre neue Chatbot ChatGPT bekam in den vergangenen Monaten – seit die neue Version GPT-4 Mitte März 2023 veröffentlicht wurde – in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit. Denn die aktuelle Version kann deutlich längere Texte verarbeiten und kreieren als ihre Vorgänger.
Dennoch, um die Dimensionen zu verdeutlichen, hatte das US-amerikanischen Unternehmen >OpenAI< 2022 bereits 5 Tage nach der Veröffentlichung der GPT-1-Version 1 Million Nutzer; im Januar 2023 waren es bereits 100 Millionen.
Zum Vergleich: Das bereits im Jahr 2012 erschienene, zu Facebook gehörende soziale Netzwerk Instergram, das vor allem zum Ansehen und Verbreiten von (bewegten) Bildern verwendet wird, brauchte 2 1/2 Jahre; die App TikTok aus dem Jahr 2018, zum Ansehen und Verbreiten von Video-Clips, brauchte 9 Monate, bis es 100 Millionen Nutzer hatte.

ChatGPT ist ein Chatbot, also ein Roboter mit dem man sich unterhalten (engl. chatten) kann.
GPT ist die Abkürzung für „Generative Pre-trained Transformer“.
Das Besondere ist hier, dass es sich nicht um ein Computer-Programm handelt, sondern um ein neuronales Netzwerk, das selbst lernfähig ist; d.h. ChatGPT wurde nicht von Menschen programmiert. Die Maschine lernt anhand von Beispielen (machine learning), um menschliche Sprache zu verstehen und so eine der menschlichen Sprache ähnelnde Antwort zu erzeugen. Dazu werden im System über 200 Milliarden Parameter und Algorithmen aus verschiedenen Netzwerken mit sehr großen Datenmengen verwendet.
ChatGPT-4 basiert auf seinem Vorgänger, dem GPT-3-Sprachmodells von OpenAI, das Milliarden von Sätzen aus sehr vielen Texten aus dem World Wide Web als Input erhielt. Letztlich wurde nichts weiter gelernt, als Zusammenhänge zwischen Wörtern zu erkennen und Wörter so hintereinander zu setzten, dass sie sich wie menschlich produzierte Sätze lesen.
Die neue Version wurde zusätzlich durch menschlichen KI-Trainer, die sich mit dem Roboter unterhielten, trainiert.
Auf diese Weise wurde der maschinelle Output in Sprachstil und Textlänge weiter verbessert, so dass die Ergebnisse nun noch menschlicher erscheinen. Stilistisch kann nun an Inhalten gefeilt werden (z.B. „schreib es etwas lustiger“ oder „vermeide Fremdwörter“). Dabei kann die neuste Version auch Bilder erkennen oder Audio als Inputquelle verwerten. Auch Bugs, also Fehler, in Computerprogrammen kann das System mittlerweile finden, indem mit ChatGPT die Codes nahezu aller Programmiersprachen analysiert werden können. Auch beim Schreiben von Computercodes könnte ChatGPT helfen.

ChatGPT kann zwar z.B. innerhalb von kürzester Zeit ein Referat zu einem Thema erstellen, eine wissenschaftliche Arbeit verfassen, komplizierte Matheaufgaben lösen, Witze erzählen oder Gedichte schreiben. Es kann aber nicht „wahr“ von „unwahr“ (fake) unterscheiden. Es sollte also nicht als Ratgeber verwendet werden.
Die generierten Texte sind zwar in sich logisch, aber nicht unbedingt richtig oder gar inhaltlich verlässlich.
Auch produziert ChatGPT, gibt man die gleiche Anweisung mehrmals, keineswegs jedes Mal den gleichen Text, sondern jedes Mal einen neuen Text. Der Wahrheitsgehalt der von ChatGPT geschriebenen Texte ist Glückssache!
Denn ChatGPT kann nicht im Internet surfen und die Frage nach dem aktuellem Wetter in Paris oder nach aktuellen Wissensstand beantworten. So ist sehr bedeutsam, dass ChatGPT mit menschlichen Texten aus dem Internet trainiert wurde und auf dieser Grundlage zu den meisten Themen Antworten gibt. Sprache jedoch enthält nun einmal alles Mögliche, einschließlich die damit verbundenen offen oder verdeckten Meinungsbilder, Vorurteile, hoffnungslos veraltete Wissensstände und Fakten.

Beim Thema Chatbot und Verantwortung geht es dann ganz praktisch darum, dass die Technik nicht zur Verbreitung von rassistischen, sexistischen oder anderen Vorurteilen, Fake-News, Hass-Sprache, Spam-Mails oder anderen toxischen Inhalten auf unterschiedlichsten Plattformen und Formaten eingesetzt wird. Das kann aber leichter geschehen als man denken mag, lernen doch die mit Sprache trainierten Netzwerke, was man ihnen letztlich der Mensch als Input vorgibt.
Ein Beispiel aus dem US-amerikanischen Gesundheitswesen zeigte solche Verzerrungen (um nicht zu sagen Vorurteile). Wie eine viel beachtete, im Fachblatt Science 2019 publizierte Arbeit nachweisen konnte, wirkte sich die über Jahre hinweg verwendet KI, um Entscheidungen zu treffen, ob ein Patient stationär aufgenommen wird oder nicht, zum Nachteil der Versorgung schwarzer Patienten aus. Denn die KI war mit Daten zu den Gesundheitskosten als Indikator für den Gesundheitsbedarf trainiert worden. People of color geben jedoch, trotz ihres tatsächlichen Bedarfs in der Regel weniger Geld aus als weiße Patienten. So lernte das System, den Grad der Aufmerksamkeit, die ein Patient braucht, bei schwarzen Patienen systematisch zu unterschätzen. Am Ende, bei gleichem Risiko, hatten farbige Menschen eine 50 % geringere Wahrscheinlichkeit ins Krankenhaus eingewiesen zu werden. Sie wurden systematisch als gesünder eingeschätzt als gleich kranken weiße Patienten. Das hat natürlich Konsequenzen; es geht um Leben oder Tod.

Es gehört zur Natur neuronaler Netzwerke, dass sie nicht wissen, warum sie etwas wissen.
Wenn im System über 200 Milliarden Parameter verwendet, heißt das im Klartext, dass es ein Netzwerk mit 200 Milliarden Synapsen (Verbindungsstellen) ist, deren 200 Milliarden einzelne Stärken eben zu genau dem Input-Output-Mapping führen, das es leistet. Man stelle sich einen Vektor mit 200 Milliarden Zeilen vor, also all diese Zahlen untereinander geschrieben mit einer Klammer darum herum. Verstehen kann man hier nicht – egal. was man mit Verstehen auch immer meinen könnte. Aber nicht nur, dass Wahrheit und Falschheit da unterschiedslos nebeneinander gestellt sind, so wie wir es von Internetrecherchen kennen, ChatGPT gibt sogar wissenschaftlich Quellen an, die frei erfunden sind.
Einerseits ist diese halluzinieren des Netzwerkes eine Bedrohung wissenschaftlicher Standards, denen wir vertrauen entgegenbringen, da davon auszugehen ist, dass die Wissenschaftler sich um Zuverlässigkeit und Wahrheit bemühen;
andererseits hat diese frei Kombination von Inhalten auch schon neue Eiweißkörper gefunden, die tatsächlich funktionieren und so der Proteinforschung völlig neue Erkenntniswege erschlossen.
Experten können aus Halluzinationen, also Inhalten denen (noch) keine Realität entspricht, innovativ nutzen, einfache Nutzer können das in der Regel nicht.
Wenn es in einem Text also wirklich um etwas geht, z.B. um die Einhaltung von Regeln der Statistik, um Physik, Material und Recht in einem Bauantrag, die Diagnose und Therapie in einem Arztbrief, Lehrbücher für Geschichte oder Chemie, einen Zeitungsartikel über das neueste Tagesgeschehen oder irgendeinen wissenschaftlichen Fachartikel, dann geht es um Vertrauen. Denn kein Mensch kann alles nachprüfen, bevor er handelt.
Wenn wir also z.B. ein Medikament einnehmen oder ein Flugzeug besteigen, dann glauben wir daran, dass sämtliche Bestimmungen der nationalen und internationalen Behörden erstens der Wahrheit entsprechen und zweitens auch erfüllt bzw. eingehalten werden. Man kann zwar alles anzweifeln, aber nicht alles auf einmal.

Jeder kann sich jedweden Text, dessen Inhalt er einigermaßen charakterisieren kann, mit Hilfe von ChatGPT schreiben lassen – ohne dass es auffällt. z.B. “Schreibe eine Bewerbung mit folgenden Daten; einen Leserbrief mit folgendem Inhalt, einen Zeitungsartikel über … mit 200 Wörtern, eine Arbeit zu … mit 5000 Wörtern zur Zusammenfassung von …)
Allerdings: welche langfristigen Folgen wird es haben, wenn man nichts mehr selber schreiben braucht?, wenn weitere Hirnfunktionen extern erledigt werden! Es ist, wie bei vielen Fortschritten der Technik, schwer abzusehen!
Einige Wissenschaftler warnen bereits davor, dass Menschen durch die Übertragung des Denkens auf automatisierte Chatbots die Fähigkeit zum eigenständigen artikulieren von Gedanken verlieren könnten. Für diejenigen, die diese Fähigkeiten erlernen und ausbilden wollen, sind Chatbots ganz offensichtlich ungeeignet.
Denn Denken wie Schreiben erlernt man nur dadurch, dass man denkt und schreibt, und keineswegs dadurch, dass man über Geschriebenes diskutiert. Fußball oder Saxophon zu spielen lernt man ja auch nicht, indem man darüber redet, Fern sieht oder Musik hört.
Zudem hat diese KI-Technik Konsequenzen auf Hausarbeiten und Prüfungen, die in Schulen, Universitäten und Büros ganz neu konzipiert werden müssen.
Aber auch ein weiterer Aspekt ist von Bedeutung: Kein ökologischer Fußabdruck wächst derzeit schneller als der des Digitalen.

Quelle: ChatGPT – Nur ein weiterer Trend oder eine Revolution? Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Uni Ulm; in Nervenheilkunde 2023; 42; 192-199
mehr noch auch über den Galileo-TV-Link

Realität – eine Frage der Perspektive

Gastbeitrag von Dr. Lothar Drese

Die subjektive Konstruktion der Realität

Sitzen Sie gerade in Ruhe? Sind Sie sicher?
Ich behaupte, Sie rotieren gerade mit 1.670 km/h in einer Distanz von 6.300km um ein Zentrum.

Warum erleben Sie das anders?
Es dürfte zunächst merkwürdig erscheinen, aber die mit Ihnen verbundene Erdrotation haben Sie wahrscheinlich schnell entlarvt.
Gleichzeitig schweben Sie übrigens mit 108.000km/h in einer Distanz von 147 Mio. km um ein anderes Zentrum.

Diese vom vermeintlich ruhigen Sitzen abweichende Wahrnehmung hat man jedoch nur aus einem anderen Blickwinkel,
in diesem Fall liegt der fiktive, gedachte Betrachter außerhalb unseres Sonnensystems.

Anderes Bild: Eine Kamerasonde in Ihrer Blutbahn würde indes aufzeichnen, dass Sie ganz und gar nicht in Ruhe sitzen, sondern sie würde ein jede Sekunde zuckendes Etwas zeigen, selber in einem mit 4 km/h durch den gesamten Körper strömenden Fluss treiben und ständige Zusammenstöße mit merkwürdig aussehenden Gebilden verzeichnen.

Anderes Szenario: Auf einer rotierenden Schallplatte sitzt eine Mini-Version A von Ihnen. Mini-Version B liegt auf dem Tonabnehmer und eine weitere Version C hat es sich auf dem Dorn gemütlich gemacht und schaut an die Decke… welche Realitäten existieren in diesem Gefüge?

A erlebt eine sich um ihn drehende Umgebung und
B erfährt eine unter sich translatierende *) Welt, also einen Ortswechsel ohne Richtungsänderung.
Rein gar nichts passiert in der Realität von C.
Als Außenstehender sehen Sie einfach nur einen rotierenden Plattenteller, auf dem eben eine Mini-Version von Ihnen sitzt und sich mitdreht. Die erlebten Realitäten der anderen Versionen bleiben für Sie unentdeckt.

*) translatierend = sich verschieben, einen Ortswechsel ohne Veränderung der Form oder Richtung durchführen

Welche davon ist nun die wirkliche Realität?

Knobelfragen: Ist das vor Ihnen liegende weiterhin farbig, wenn Sie sich umdrehen?
Macht ein umfallender Baum im Wald ein Geräusch, wenn Sie nicht dort sind?

Was ist überhaupt Realität?
Die Physik erklärt dies mit der Wahl des Bezugssystems. Sie können sich also aussuchen, in welchem Bezug Sie Ereignisse betrachten und beschreiben.
Es gibt definitiv mehrere Möglichkeiten, das eine Bezugssystem existiert nicht und die eine Realität auch nicht.

Das, was für Sie gerade passiert, passiert anderen nicht. Es ist Ihre ganz persönliche Realität, nicht deren.
Sofern es keine Auswirkungen auf andere hat, werden sie nie von Ihrer Realität erfahren.
Realität ist nicht alles, was auf der Welt zu einem Zeitpunkt passiert.
Für jeden persönlich ist bedeutsam, was in der eigenen Wirklichkeit wirklich wirkt.
Das aber ist für jeden etwas anderes, abhängig von Vorerfahrungen, Erwartungen, Standpunkt, Perspektive, Fokus, Messverfahren, Bedeutungsgebung und prognostizierten Auswirkungen.

Jeder Mensch erlebt also seine eigene Realität.

Es ist alles eine Frage der Perspektive des Beobachters.

Besonders nachvollziehbar beantwortet der Physiker Erwin Schrödinger 1935 die Frage nach der Realität mit dem berühmten Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“:
In einer verschlossenen Kiste sitzt eine Katze mit einem Giftköder. Ob die Katze den Köder gefressen hat und verstorben ist, wissen Sie nicht. Sie können sich erst sicher sein, wenn Sie nachschauen. Sie müssen die Realität also erleben! Solange Sie die Kiste nicht öffnen, erleben Sie eine Realität, in der die Katze gleichzeitig tot und lebendig ist. Sie werden die Realität in der Kiste niemals erfahren, solange sie verschlossen bleibt.

In welcher Form Sie nun Ihre eigene Realität wahrnehmen, wie Sie sie bewerten, hängt wiederum von Ihrer Auswahl des Bezugssystems ab.
Es ist Ihre Interpretationssache – also Ihre Wahrnehmung bzw. Ihre aktive Wahrgebung, da kein passiver Prozess!
Sie nehmen Ihr geführtes Leben als eine ständige Interpretation des Erlebten wahr, aufgrund von Erfahrungen und Wissen – es ist Ihre subjektive Sichtweise. Sie haben die Wahl, Erlebtes unterschiedlich zu betrachten und zu bewerten.

Oft geht es Menschen schlecht wegen der Interpretation ihrer Wahrnehmung, also ihren Gedanken und nicht wegen dem, was wirklich gerade passiert.
Ereignisse sind einfach Ereignisse und als solche wertfrei. Deren Bedeutung fügen wir aktiv hinzu. Interpretationssache eben.

Oft sind Menschen unzufrieden mit der „Realität“ bzw. dem, was sie betrachten und dessen Bewertung, sehen aber viele andere (positiven) Dinge derselben Realität nicht… nur weil sie ihre Aufmerksamkeit nicht darauf richten!

Oft haben Menschen in der Gegenwart Angst und Sorgen vor der Zukunft, also vor einer Zeit, die gar nicht existiert!
Und diese Zeit, die sie sich mit Ängsten und Sorgen kreiert haben, die ihnen die Gegenwart verdirbt, wird vielleicht niemals passieren.
Diese Sorgen und Ängste haben nichts mit dem tatsächlichen Jetzt zu tun. Das Jetzt passiert jetzt… und alle Probleme des Jetzt haben auch ihr Gutes, Sie müssen nur mal aus einer anderen Perspektive darauf sehen…

Fragen Sie sich: wozu mache ich das gerade? Wie stelle ich meinen Zustand jetzt gerade her? Welche Auswirkungen hat mein Tun? Für wen mache ich das? Woher könnte der Impuls zu meinem Erleben kommen? Welches Bedürfnis könnte dahinterstecken – bewusst oder auch unbewusst?

Fotos: Drese


Kommentar:

Hallo, Herr Drese,

obwohl ich Schrödingers Katze schon lange kenne, kam mir eben der Gedanke, dass das Gleichnis einen Denkfehler enthält. Es zielt nämlich lediglich auf die Sinneswahrnehmung “Sehen” ab. 
Ich könnte nämlich auch die Sinneswahrnehmung “Tasten” hinzu nehmen. Dann würde ich Bewegungen fühlen oder Wärme – oder das Gegenteil. Nehme ich die Sinneswahrnehmung “Riechen” hinzu, so muss ich nur ein paar Tage warten und würde eine tote Katze riechen. Selbst mit dem “Hören” käme ich weiter. Nur das “Schmecken”  will ich hier mal außer Acht lassen.

Eine gute Woche und herzliche Grüße,
Eveline Renell

Antwort:

Liebe Frau Renell, 

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Das „Nachsehen“ beschränkt sich jedoch nicht nur auf „Sehen“, sondern bezieht sich auf das grundsätzliche Öffnen der Kiste, um „Wahrzunehmen“, mit welchen Sinnen auch immer. 
Nehmen wir die Kiste als hermetisch und akustisch abgeriegelt, bleibt uns die dort herrschende Realität bei verschlossener Kiste für immer verborgen… 

Freundliche Grüße
Lothar Drese

Alles was bleibt…

Gastbeitrag von Dr. Lothar Drese, Wettenberg

Die Ur-Hoffnung ist tief in uns vergraben. Es ist keine akute Hoffnung, an die wir täglich denken, aber jeder hat sie in sich. Das ist auch gut so! Was wäre das für ein Leben, wenn wir sekündlich an all das Schlimme denken würden, was jederzeit passieren könnte?
Gleichzeitig ist aber auch absolut lebensnotwendig, dass diese Ur-Hoffnung überhaupt existiert.
Das Leben besteht aus einem kontinuierlichen Wechsel von Höhen und Tiefen… die Höhen genießen wir und die Tiefen meistern wir immer durch die Gewissheit der baldigen Besserung, während der selbstverständliche Alltag weiterläuft.

Doch was, wenn die Selbstverständlichkeit wegbricht?
Was, wenn wir ein schreckliches Unglück, eine Tragödie verarbeiten müssen?
Wie oft denken wir „Mir geschieht so etwas nicht!“ oder „Das würde ich niemals tun!“?
Aber das Leben ist unvorhersehbar und vor manchen Dingen ist niemand sicher.
Alles kann geschehen, auch Dinge, die man sich niemals hätte vorstellen können.
Und dann kann ein Tief des Lebens sehr ausgeprägt sein und vor allem auch ziemlich lang andauern.
Oben erwähnte Überwindung durch Gewissheit der baldigen Besserung meistern wir über kurze Zeiträume.
Vor allem betrifft dies zumeist Situationen, in denen wir steuernd agieren können.
Gravierende Schicksalsschläge versetzen unsere Seele jedoch zunächst in einen emotionalen Schockzustand, deren Rehabilitation zum einen über einen langen Zeitraum geschieht und dessen Ende zum anderen nicht absehbar ist. Hinzukommt, dass wir diese Gegebenheiten meist hinnehmen und aushalten müssen, ohne aktiv für Änderung sorgen zu können.

Unabhängig davon, was der Auslöser ist oder wie es dazu gekommen ist, muss ein einschneidendes Erlebnis verarbeitet werden. Hierzu führt Elisabeth Kübler-Ross fünf Phasen der Bewältigung auf
(die nicht immer und nicht immer in dieser Reihenfolge oder auch wiederholt wechselnd auftreten können):

Leugnen
Die Phase des Schocks! Emotionen brechen über einen herein, die man vorher in dieser Ausprägung nicht kannte. Alles erscheint wie in einem Nebel, in einer Trance… „Es kann nicht wahr sein!“

Zorn
Schuldige werden gesucht, da man sich nie allein verantwortlich fühlen möchte… „Wer hat mir das angetan?“… „Warum wird ausgerechnet mir das angetan?“

Verhandeln
Phase der Hilflosigkeit und Verzweiflung… vielleicht die schwierigste Zeit. Man fängt an, die Situation zu realisieren und möchte sie nun ändern. Das sich dann einstellende Gefühl bei seinen Versuchen der Steuerung keinen Einfluss zu haben, also das Gefühl der Ohnmacht, ist kaum zu ertragen… „Wie kann ich es wieder gut machen?“… „Wie komme ich hier heraus?“

Depression
Eingeständnis… „Ich kann es nicht abwenden.“… Man ergibt sich dem Zustand und beginnt auszuhalten. Häufig brechen in dieser Zeit depressive Phasen über Momente der Stärke hinein und erschüttern die innere Stabilität. Die Ur-Hoffnung wird nun auf ihre Robustheit überprüft und es kostet unglaublich viel Energie, diesen Verlauf zu überstehen.

Akzeptanz
Annahme der neuen Situation, eventuell die Einsicht, dass das Leben ab jetzt nicht mehr dasselbe ist wie vorher. Man entwickelt neuen Selbst- und Weltbezug und steht wieder auf… „Das Leben geht weiter“…

Die feste Überzeugung, dass sich auch in Phasen der tiefsten seelischen Betäubung alles zum Guten wenden wird… alles was bleiben muss… Hoffnung…

Legalisierung von Cannabis – Gesundheitsrisiken

Bislang ist der Verkauf von Cannabisprodukten zu Genusszwecken in Deutschland verboten. Die neue Ampel-Regierung will die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken einführen.
Es gehe dabei um Verbraucherschutz, Regulierung des Schwarzmarktes, Verhinderung von verunreinigten Substanzen, Entstigmatisierung von Konsumenten, Entlastung von Polizei und Justiz sowie um bessere Prävention wie auch um zusätzliche Steuereinnahmen.
Neben dem legalen Konsum von Alkohol (etwa 74.000 Todesfälle jährlich allein durch Alkoholkonsum) sind die bislang nur illegal zu erwerbenden Cannabisprodukte die verbreitetste Droge in Deutschland. Dabei hat sich der THC-Gehalt (Tetrahydrocannabinol) in den Pflanzenanteilen durch gezielte Zucht (also durch Mutationen – ähnlich wie beim Corona-Virus wild oder gezielt bei der Impfstoffherstellung) seit 2010 (6,8 %) bis zum Jahr 2020 (20,4 %) erhöht.
Entsprechend sind die ambulanten wie stationären Cannabis-Suchtbehandlungen gestiegen.
Deshalb sehen Ärzte die Legalisierung der Droge kritisch: Der 125. Deutsche Ärztetag warnte Anfang November 2021 vor einer Verharmlosung der Droge und vor den Risiken für die Gesundheit der Konsumierenden sowie den Folgen für die medizinische Versorgung. Insbesondere vor den Langzeiteffekten des Cannabiskonsums für Kinder und Jugendliche.

Aus medizinischer Sicht, also vor allem als Mittel gegen chronische Schmerzen, ist eine Abgabe von Cannabis erst ab einem Alter von 25 Jahren sinnvoll, wenn die Ausreifung des Stirnlappens im Gehirn abgeschlossen ist. (siehe Nachricht: Interessante neue Beiträge auf unserer Wissensseite)
Denn Studien zeigen, dass bei intensivem Konsum von Cannabis die Hirnentwicklung beeinträchtigt wird.

Bei akutem Konsum kommt es zu Rauschzuständen mit deutlichen Einschränkungen der Aufmerksamkeit, Störungen der Bewusstseinslage, der kognitiven Fähigkeiten, wie auch der Psychomotorik. Ursächlich dafür ist die zunehmende Konzentration des psychoaktiven Hauptwirkstoffes THC in einer immer breiteren Produktvielfalt.
Mit dieser Droge im Blut erhöht sich selbstverständlich die Gefahr von Verkehrsunfällen, insbesondere für unter 25jährige Fahrer, die die Einschränkungen durch den Konsum nicht durch Fahrpraxis ausgleichen können.

Bei längerzeitigem Konsum kommen weitere Gesundheitsrisiken hinzu, insbesondere Atemwegserkrankungen, Hodenkrebs, hirnstrukturelle Veränderungen (=> unreif bleiben) sowie Auswirkungen auf die Entwicklung ungeborenen Lebens bei Konsum in der Schwangerschaft, sowie die Ausbildung von psychischen Störungen, von Angststörungen, Psychosen, Bipolaren Störungen (manisch-depressiv), Depressionen und Suizidgedanken.
Bei frühem Konsum vor dem 15. Lebensjahr werden geringere Bildungserfolge gesehen; und bei häufigem Konsum von Drogen allgemein werden in Studien höhere Schulabbruchraten, geringeres Einkommen, gehäufte Arbeitslosigkeit sowie Bezug von Sozialleistungen beschrieben.

Cannabisabhängigkeit ist eine Suchterkrankung. Nach Entzugsbehandlungen und bei anhaltender Abstinenz, so habe sich gezeigt, können Veränderungen am Gehirn reversibel (umkehrbar) sein.

Die Legalisierung von Cannabis, so wird von Suchtberatungsstellen erwartet, wird zu einem erhöhten Konsum und Missbrauch auch durch Kinder und Jugendliche führen. Jugendschutz ist hier eine Illusion, denn das Signal der Legalisierung und damit Verharmlosung der Drogen, wird – auch bei einer Altersbeschränkung im Verkauf – zu einem Durchreichen an Jüngere führen.
Bei US-Staaten lagen nach Legalisierung der Drogen die Konsumquoten um 30 bis 60 % höher. Auch in Kanada, Portugal oder Uruguay z.B. sei der Konsum nach der Legalisierung deutlich angestiegen. Zugleich ging die Risikowahrnehmung von Cannabis in diesen Staaten seit der Legalisierung deutlich zurück. Bei den 12 – 17jährigen liegt die Zahl der diagnostizierten Angststörungen, Psychosen und Depressionen um 25 % höher als in anderen Bundesstaaten der USA.
In den Niederlanden liegt der Konsum in der Altersgruppe der 15 – 34jährigen mit 15,5 % in etwa beim europäischen Mittelwert.
In einem anderen Ländervergleich gibt es Hinweise auf eine Zunahme cannabisbedingter Krankenhausaufnahmen nach Legalisierung, cannabisbeeinflusster Selbstmorde und tödlicher Verkehrsunfälle.

Nur begrenzt sei über die Legalisierung der Schwarzmarkt zu regulieren; der wird neue kreative Absatzwege und neue Drogen finden.
Das Gesetz zur Cannabislegalisierung will die neue Bundesregierung nach 4 Jahren “auf gesellschaftliche Auswirkungen” evaluieren (sach- und fachgerecht beurteilen). Man darf darauf gespannt sein.

Cannabis-Freigabe in den Niederlanden: Vorläufige Auswertung Niederländische Drogenpolitik

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 118, Heft 49, 10.12.2021, S.2326-2328

Jesus hätte auch ein Mädchen, oder oder werden können – Teil 1

Dieser Artikel ist um Weihnachten herum entstanden, daher erklärt sich der Titel.

Gerade die Weihnachtszeit, in der wir uns symbolisch auf die Ankunft eines Kindes freuen und die Wiedergeburt des Lichtes mitten im Winter feiern, scheint mir ein geeigneter Anlass, mich diesem Thema, das so Vorurteilsbehaftet ist, zuzuwenden und Aufklärung zu betreiben.

HO HO HO

Nach langem Sträuben und Verleugnen hat der Gesetzgeber 2018 endlich offiziell anerkannt, dass es mehr als zwei “Geschlechter” gibt – wobei ich finde, dass es zwei “Gegute” heißen müsste, was automatische andere und freundlichere Assoziationen hervorrufen würde. Traditionell aber, vor religiösen Hintergründen, wurden körperliche Belange, assoziiert mit weiblich, als schmutzig und nieder gewertet, im Vergleich zu, verknüpft mit männlich, Geistigem und Tanszendentem (jenseitigem).
Unsere Körper, unsere biologische Natur, ist aber nun mal die Basis unseres Lebens, das wir identifiziert mit bestimmten Daseinsmustern verbringen. Die Natur, wie auch unsere Kultur, bringen nun unterschiedliche Daseinsformen hervor, die hier aus medizinischer wie aus psychologischer Sicht näher angeschaut werden können:

Die biologischen Bedingungen im Frau Inter Trans Mann – Werdeprozess

In den Frühstadien seiner Entwicklung trägt der Säugetierembryo das Potential (die Anlage) zur männlichen wie zur weiblichen Form in sich.

Lithograph by J. G. Bach of Leipzig after drawings by Haeckel, from Anthropogenie published by Engelmann – Nick Hopwood. “Pictures of Evolution and Charges of Fraud:: Ernst Haeckel’s Embryological Illustrations”, Isis 97 (2006), 260-301 

Die anfänglich undifferenzierten Keimdrüsen (Gonaden) entwickeln sich entweder zu Hoden oder zu Eierstöcken, je nach dem genetischen Kode, den die unterschiedlichen Erbanlagen (Chromosomen) der männlichen 46, XY- oder der weiblichen 46, XX-Gene bilden.
Dennoch verläuft diese Differenzierung (Unterschiedsbildung), ungeachtet der genetischen Programmierung, stets in Richtung der weiblichen Form, sofern nicht die erforderlichen Testosteronspiegel (ein Sexualhormon) im Blut der Mutter und damit des Kindes gegeben sind. Mit anderen Worten: selbst wenn die Erbinformation mit XY-Chromosom männlich ist, führt eine zu geringe Menge am Sexualhormon Testosteron zur Ausbildung weiblicher Geschlechtsmerkmale. Das Prinzip der Feminisierung hat dann Vorrang gegenüber der Maskulinisierung.

Videos zur Anatomie der Geschlechtsorgane

Beim Menschen sind die primitiven, urtümlich Keimdrüsen ab der 6. Schwangerschaftswoche auszumachen, wenn beim männlichen Embryo unter dem Einfluss des genetischen Kodes testikuläre, also vom Hoden kommende, Hormone ausgeschüttet werden.
Messbar sind dann zum Einen der Müllersche Hemmstoff, der eine hemmende Wirkung auf die normale weibliche Entwicklung der Gonaden ausübt und zum Anderen das Testosteron, das das Wachstum innerer und äußerer männlicher Organe fördert; insbesondere die Entwicklung der beidseitig angelegten Wolffschen Gänge (der Ur-Nierengänge).
Liegt ein weiblicher Gencode vor, setzet in der 12. Schwangerschaftswoche die Ausdifferenzierung der Eierstöcke (Ovarien) ein. Im Verlauf der normalen weiblichen Entwicklung wird aus den primitiven Müllerschen Gängen die Gebärmutter (der Uterus), die Eileiter und das innere Drittel der Vagina.
Bei Männern dagegen entwickelt sich das System der Müllerschen Gänge zurück, während sich das System der Wolffschen Gänge ausbildet und zu Samenleiter, Samenblasen und Ausspritzungsgängen wird.

Während also die inneren Vorläufer sowohl von männlichen als auch weiblichen Geschlechtsorganen zur möglichen Entfaltung bereitliegen, sind die Vorläufer der äußeren Genitalien unitypisch; das heißt, dieselben Vorläufer können sich entweder zu männlichen oder zu weiblichen äußeren Geschlechtsorganen entwickeln.
Sind während der kritischen Phase der Unterschiedsbildung ab der 9. Schwangerschaftswoche keine passend hohen männlichen Sexualhormone (Androgene: Testosteron und Dihydrotestosteron) gegeben, kommt es zur Entwicklung von Klitoris, Vulva und Vagina. Sind die Hormonspiegel passend hoch, bilden sich Penis mit Eichel und Hodensack. Bei normalem Verlauf entwickeln sich die Hoden innerhalb es Bauchraumes (Abdomen) und wandern während der 9. Schwangerschaftswoche an ihre Position im Hodensack (Skrotum).

Nachdem die Entwicklungsrichtung von inneren und äußeren Genitalien festgelegt ist, verläuft – unter dem Einfluss der im vorgeburtlichen (fötalen) Kreislauf zirkulierenden fötaler Hormone – die Entfaltung bestimmter Hirnbereiche dimorph
(Als dimorph bezeichnet man in der Biologie das Auftreten in zwei verschiedenen Formen der selben Gattung.)
Das Gehirn ist ambitypisch angelegt, also typischerweise ambivalent, doppelsinnig, zwiespältig, widersprüchlich; und auch hier setzt sich die Entwicklung weiblicher Charakteristika durch, wenn kein adäquater Spiegel an vermännlichenden Hormonen im Blut zirkulieren.
So kommt es zur jeweils spezifischen (unverkennbaren) Ausgestaltung von Funktionen im Hypothalamus und in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), die sich bei Frauen hin zum Zyklischen (wiederkehrenden, periodischen) und bei Männern hin zum Nichtzyklischen ausformen. Diese Differenzierung des Gehirns hin zum weiblichen oder männlichen Typus erfolgt im 3. Schwangerschaftsdrittel (27. -40. Schwangerschaftswoche), nachdem die Unterschiedsbildung der Geschlechtsorgane stattgefunden hat. Vermutlich setzt sich diese Entwicklung während der ersten drei nachgeburtlichen Monate noch fort.

Bei Säugetieren, die keine Primaten sind, legen die vorgeburtlichen hormonellen Unterschiede im Gehirn die Struktur des späteren Paarungsverhaltens fest.

Bei Primaten, wozu auch wir Menschen gehören, hingegen sind frühe soziale Kommunikation und soziales Lernen von vorrangiger Bedeutung für die Ausformung des Sexualverhalten.

Die Steuerung tatsächlichen Paarungsverhaltens ist daher weitgehend von den frühesten sozialen Interaktionen, von den wechselseitigen Formen des Miteinander, abhängig. Dabei reagiert das Kind schon auf kleinste Reize und Stimmungen, auf die Art, wie es gehalten wird, auf das Leuchten in den Augen der Bezugspersonen, auf angemessene Versorgung seiner Bedürfnisse, auf lustvolle Stimulation seiner Haut, ob die Mutter still oder eine Flasche anbietet, usw., ob es sich bedroht oder geborgen fühlt.

Die Ausgestaltung der sekundären (sich später entwickelnden) Geschlechtsmerkmale während der Pubertät – Verteilung von Körperfett und Haarwuchs, Stimmbruch und Stimmwechsel, Entwicklung der Brüste, starkes Wachstum der Genitalien – wird von zentralnervösen Wirkfaktoren in Gang gesetzt und durch einen bedeutsamen Anstieg an im Blut zirkulierenden Andogenen oder Östrogenen gesteuert, ebenso wie die spezifischen weiblichen Funktionen von Menstruation, Schwangerschaft und Milchbildung.

Ein hormonelles Übergewicht kann die sekundären Geschlechtsmerkmale verändern.

Bei Jungen und Männern kommt es durch Androgenmangel, also einem Mangel an männlichen Geschlechtshormonen, zu Gynäkomastie (Brustdrüsenvergrößerung beim Mann), bei Mädchen und Frauen führt ein Androgenüberschuss zu Hirsutismus, also zur Ausbildung eines männlichen Behaarungstyps, zu einem Tieferwerden der Stimme und Vergrößerung, also Hypertrophie der Klitoris. Ob sich Veränderungen im Hormonspiegel auch auf das Verlangen und Sexualverhalten auswirken, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Klar ist, dass sich bei Männern das sexuelle Verlangen bei unzureichender Verfügbarkeit von Androgenen verringert – bis hin zur sexuellen Apathie; bei normalem oder erhöhtem Spiegel an zirkulierenden Androgenen bleibt das Verlangen und Verhalten aber bemerkenswert unabhängig. Führt man bei niedrigem Androgenspiegel künstliches Testosteron zu, normalisiert sich das sexuelle Verlangen und Verhalten. Rollenverständnis und Selbstbild scheinen hier zudem wirksam zu sein.
Ähnlich zeigt sich in Studien an Frauen, dass zwar direkt vor und nach der Menstruation das sexuelle Verlangen gesteigert ist, dass dies aber nur unwesentliche Schwankungen der Hormonspiegel sondern viel stärker von psychosozialen Reizen abhängt. Insgesamt, im Gegensatz zu anderen Säugetieren, liegt das Schwergewicht der sexuellen Erregung (Arousal) beim Menschen eindeutig auf psychosozialen Determinanten (Bestimmungsgrößen, Faktoren).

https://www.kreis-freising.de/fileadmin/user_upload/Aemter/Amt_fuer_Jugend_und_Familie/Besondere_Fachdienste/Koordinierende_Kinderschutzstelle/Koki_Vortrag_Reck_Depressinen_Angststoerungen_2015.pdf

Wenn wir uns die Entwicklung der menschlichen Geschlechtsmerkmale anschauen und auf der biologischen Stufenleiter verfolgen, stellen wir also fest, dass die psychosoziale Interaktion, sowohl ganz früh im Zusammenspiel von Säugling und seinen versorgenden Menschen, insbes. der Mutter, wie auch später eine zunehmend wichtige Rolle bei der Ausformung des erwachsenen Verhaltens – auch des Sexualverhaltens – spielen. Im Verhältnis dazu tritt bei uns Menschen die Steuerung durch genetische und hormonelle Faktoren klar zurück, auch wenn Adnrogene die Intensität des sexuellen Verlangens und des Sexualverhaltens bei Frauen wie bei Männern beeinflussen können. Dabei legen die biologischen Befunde nahe, dass sexuelle Verhaltensweisen, die normalerweise typischer für das eine Geschlecht sind, als Möglichkeit (Potential) auch im anderen Geschlecht vorhanden sein können.
Dennoch sind die Intensität des sexuellen Arousal, die Einengung der Aufmerksamkeit auf sexuelle Reize und die physiologischen Reaktionen sexueller Erregung – gesteigerte Blutzirkulation, Tumeszenz, Lubrikation von Geschlechtsorganen – allesamt hormonell gelenkt.

Foto: Lindemann; u.a.
Quelle: Otto F. Kernberg, Liebesbeziehungen – Normalität und Pathologie, Klett-Cotta, 2014 – Übersetzung Christoph Trunk

Otto F. Kernberg ist Direktor des Personality Disorder Institute am New York-Presbyterian Hospital, Westchester Division und Professor für Psychiatrie am Weill Cornell Medical College, New York. Er war lange Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) und gilt als einer der bedeutendsten psychoanalytischen Forscher und Theoretiker.

Jesus hätte auch ein Mädchen, oder oder werden können – Teil 2

Die psychosozialen Faktoren im Frau Divers Mann – Werdeprozess

Weltweit finden sich in verschiedenen Zeitaltern und etlichen Kulturen Alternativen zur paarweisen Geschlechter-ordnung. Geschlechtliche Identität, wie auch Sexualität, können flexibel konstruiert sein.
Überliefe­rungen aus Babylonien verdeutlichen: Schon vor 4.000 Jahren wurde Menschen ein drittes Geschlecht zugestanden. Bei einigen nordamerikanischen Stämmen gab es bis zu sechs Geschlechter – biologische und soziale. Durch den Einfluss der christlichen Kolonialmächte verschwand diese Vielfalt.
Seit Dezember 2018 gibt es in Deutschland neben „weiblich“ und „männlich“ die dritte rechtliche Option “divers” (verschieden), die sich auf biologische Intergeschlechtlichkeit bezieht. Sofort änderten 2019 laut Redaktionsnetzwerk Deutschland knapp 1600 Menschen ihren Geschlechtseintrag auf Divers, viel mehr noch wechselten von männlich auf weiblich und umgekehrt. Auch in der Allgemeinbevölkerung rücken diese biologischen und psychologischen Fakten mit der Gender-Diskussion allmählich wieder mehr ins Bewusstsein.
Aufklärung, also Wissen ist da besonders wichtig, um Vorurteilen und schädlichen Phantasien entgegenzutreten.

https://www.uni-due.de/2020-12-16-warum-nur-drei-geschlechter

Bei der Geschlechtsidentität unterscheiden wir die sich entwickelnde
– Kern-Geschlechtsidentität, die festlegt, ob ein Mensch sich als weiblich oder männlich betrachtet.
Es wird davon ausgegangen, dass sie sich spätestens bis zum 2. Lebensjahr herausgebildet hat. 
die Geschlechtsrollenidentität, die sich aus den besonderen psychischen Einstellungen und zwischenmenschlichen Verhaltensweisen – allgemein wie auch spezifisch sexuellen sozialen Interaktionsmustern und Wechselwirkungen – ergeben, die entweder für Männer oder für Frauen charakteristisch sind und sie daher voneinander unterscheiden.
Hier geht man davon aus, dass die Phase zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat für die Entwicklung besonders kritisch ist. 
die dominante Objektwahl bestimmt, ob die Wahl eines Sexualobjekts eine heterosexuelle oder eine homosexuelle ist und ob sie sich auf ein breites Spektrum sexueller Interaktionen mit dem Sexualobjekt richtet oder aber auf einen bestimmten Teil der menschlichen Anatomie oder ein nichtmenschliches oder unbelebtes Objekt (z.B. Fetisch).
die Intensität des sexuellen Verlangens spiegelt sich im Dominieren sexueller Phantasien, im Achten auf sexuelle Reize, im Verlagen nach sexueller Betätigung und in der physiologischen Erregung der Geschlechtsorgane wider.

Die Kern-Geschlechts-Identität

Beim Menschen wird die Kern-Geschlechtsidentität (das Empfinden des Individuums, entweder Mann oder Frau zu sein) nicht durch biologische Merkmale festgelegt, sondern durch das Geschlecht, das die Pflegepersonen dem Kind während der ersten 2 – 4 Lebensjahre zuweisen.
Selbst wenn Eltern unter normalen Umständen glauben, sie würden mit einem kleinen Jungen genau gleich umgehen wie mit einem kleinen Mädchen, legen sie geschlechtsbezogene Unterschiede im Verhalten gegenüber ihrem Säugling an den Tag.
Zwar gibt es Geschlechtsunterschiede, die auf der vorgeburtlichen Entwicklung beruhen, aber diese Unterschiede legen nicht automatisch fest, wie die Ausdifferenzierung des männlichen oder weiblichen Verhaltens nach der Geburt verläuft: Eine zur Feminisierung führende hormonelle Pathologie bei Jungen und eine zur Maskulinisierung führende hormonelle Pathologie bei Mädchen hat, außer bei extremen Ausprägungen hormoneller Abnormität, auf die Geschlechtsrollenidentität stärkeren Einfluss als auf die Kern-Geschlechtsidentität.
Bei Mädchen kann z.B. ein vorgeburtlicher Überschuss an Androgenen (männlichen Geschlechtshormonen) der Grund dafür sein, dass sie später jungenhaft wild (tomboys) sind und beim Spielen und bei aggressivem Verhalten mehr Energie umsetzen.
Bei Jungen kann eine unzureichende vorgeburtliche Androgenstimulation zu einer gewissen Passivität und einer schwach ausgeprägten Aggressivität führen, wirkt sich aber nicht auf die Kern-Geschlechtsidentität aus. Außerdem erwerben hermaphroditische Kinder (“Zwitter“), die eindeutig als Mädchen oder Jungen erzogen wurden, eine dementsprechende gefestigte Identität als Junge oder Mädchen, unabhängig von ihrer genetischen Ausstattung, von ihrem Hormonhaushalt oder sogar – in gewissem Maße – von dem äußeren Erscheinungsbild ihrer geschlechtlichen Entwicklung.
Selbst eine früh einsetzende (krankhafte) Pathologie der Kind-Eltern-Interaktion und -Beziehung wirkt sich nicht auf die Konsolidierung (Verfestigung) der Kern-Geschlechtsidentität aus. Es wurde nicht einmal ein Zusammenhang zwischen Transsexualismus (d.h. Bildung einer der biologischen Geschlechtsidentität entgegengesetzte Kern-Geschlechtsidentität bei den Personen mit klar definiertem biologischen Geschlecht – und genetischen, hormonellen oder genitalen körperlichen Normabweichungen) festgestellt.
Psychoanalytische Untersuchungen von Kindern mit abnormer, also von der erwarteten Norm oder dem Üblichen abweichenden sexueller Identität wie auch der Lebensgeschichte von transsexuellen Erwachsenen gibt Auskunft über die wesentlichen Grundmuster.

Eines davon ist, dass männliche Transsexuelle (die biologisch gesehen Männer sind, sich aber von ihrer Kerngeschlechtsidentität her als Frau erleben) typischerweise eine Mutter mit stark bisexuellen Persönlichkeitsanteilen haben, die Distanz zu ihrem passiven oder nicht verfügbaren Mann hält und ihren Sohn geradezu verschlingt, um au symbolischem (sinnbildlichem, figürlichem) Wege für sich selbst eine Vervollständigung herzustellen. Die paradiesische Symbiose schließt indirekt die Männlichkeit des Jungen aus und bringt ihn dazu, sich in übertriebener Weise mit der Mutter zu identifizieren, sich also mit ihr gleichzusetzen und sich in ihrem Verhalten wiederzuerkennen. Damit einhergehend wird die männliche Rolle abgelehnt, die für die Mutter nicht akzeptabel wäre und die der Vater unzureichend verkörpert.
Bei weiblichen Transsexuellen führen das abweisende Verhalten der Mutter und die Unerreichbarkeit des Vaters dazu, dass die Tochter, die sich in ihrer Rolle als kleines Mädchen nicht bestätigt fühlt, zu einem Ersatz-Jungen wird. Zugleich hilft sie damit unbewusst, die Einsamkeit und Depression der Mutter zu lindern. Das maskuline Verhalten wird von der Mutter unterstützt, deren Niedergeschlagenheit daraufhin abklingt; zugleich verstärkt das Verhalten des Kindes das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie.

Dass das Verhalten der Eltern gegenüber dem kleinen Kind (insbesondere die Mutter-Kind-Interaktion) Einfluss darauf hat, wie sich seine Kern-Geschlechtsidentität und seine sexuellen Funktionen insgesamt entwickeln, lässt sich nicht nur bei Menschen beobachten. Auch bei anderen Primaten lässt sich beobachten, dass eine angemessene Bindung zwischen Säugling und Mutter durch eine Geborgenheit bietende, engen Körperkontakt eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass sich beim erwachsenen Affen normale sexuelle Reaktionen entwickeln können.

Nach bisherigen Forschungsergebnissen können wir davon ausgehen, dass es frühzeitig eine Geschlechtsidentität gibt, die in der Regel entweder männlich oder weiblich ist; wobei davon auszugehen ist, dass schon die bewussten und unbewussten sexuellen Orientierungen der Eltern und ihre Erwartungen an ihr Kind dabei eine Rolle spielen. Zugleich ist bei beiden Geschlechtern eine psychische Bisexualität vorhanden, die sich aus der unbewussten Identifizierung mit beiden Eltern (so sein wollen wie sie) ableitet. Damit gehört bewusst oder unbewusst eine bisexuelle Orientierung zu den universellen menschlichen Möglichkeiten.

Für eine Kern-Geschlechtsidentifikation spielt es keine Rolle, “ob der Vater das Essen kocht und die Mutter den Trecker fährt”. Diese Geschlechtsrollen sind sozial definiert. Die eigene Kern-Ich-Identität entwickelt sich klar, solange die Geschlechtsidentitäten der Eltern deutlich voneinander unterschieden sind. Verstärkt werden Zuweisung und Übernahme einer Kern-Geschlechtsidentität in der Praxis, indem die auch die Geschlechtsrollen, die als männlich oder weiblich angesehenen werden, vom Umfeld bekräftigt werden.

Die Geschlechts-Rollen-Identität

Die Geschlechtsrollenindentität (die Identifizierung des Individuums mit bestimmten Verhaltensweisen, die in einer Gesellschaft als typisch für Männer oder Frauen gelten) ist stark von psychosozialen (zwischenmenschlichen) Faktoren beeinflusst.
(Psychosozial wird hier das auf das Erleben und Verhalten einer Person bezogen, insoweit es ihre Interaktion (=Wechselbeziehung) mit anderen Personen / Personengruppen oder/und Handlungen betrifft.)
Selbst die spätere Wahl des Sexualobjekts, das Ziel des sexuellen Verlangens, wird in starkem Maße von frühen psychosozialen Erfahrungen abhängig.

Sexualobjket, Foto: https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/darf-man-das/

Alle Vorstellungen und Erwartungen an weibliche oder männliche Verhaltensmuster sind, neben den biologischen Voraussetzungen, von kulturellen, zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen bestimmt. Allerdings sind dabei manche Überzeugungen zur Geschlechtsunterschieden schlicht haltlos, manche sind wissenschaftlich recht gut abgesichert und manche harren noch der Klärung bzw. fallen in den Beobachtungen mehrdeutig aus.

Unhaltbar sind Überzeugungen wie “Mädchen sing geselliger und leichter zu beeinflussen als Jungen”, “Mädchen hätten eine geringes Selbstachtung, seien weniger leistungsmotiviert und besser im Auswendiglernen und bei monotonen Aufgaben” oder “Jungen seien besser bei anspruchsvolleren Aufgaben oder würden analytischer vorgehen” oder “Mädchen stünden mehr unter dem Einfluss von Erbanlagen, Jungen dagegen unter dem Einfluss der Umwelt”, “Mädchen seien eher auditiv (auf das Gehör bezogen), Jungen eher visuell (auf optische Wahrnehmung) orientiert”.
Zu den erwiesenen Geschlechtsunterschieden zählen derzeit, dass Mädchen größere verbale Fähigkeiten haben; Jungen häufiger bessere Ergebnisse bei visuell-räumlichen und mathematischen Aufgaben zeigen und dass sie aggressiver sind.
Noch nicht abgesichert sind Unterschiede in Bezug auf taktile Sensibilität, Schüchternheit und Ängstlichkeit, Aktivitätsniveau, Konkurrenzstreben, Dominanzstreben, Folgsamkeit, Fürsorglichkeit und “mütterliches” Verhalten.

Kultur- und artenübergreifend lässt sich sagen, dass männliche Individuen aggressiver sind und dass das Aggressionsniveau mit Sexualhormonen zusammenhängt.
Bei Mädchen die vorgeburtlich einem Androgenüberschuß (männliches Sexualhormon) ausgesetzt waren, fand sich ein mäßig ausgeprägter Zusammenhang zwischen diesem und der erhöhten Häufigkeit einer späteren homosexuellen Orientierung, doch bedeutsamer war, dass sich solche Mädchen im Vergleich zu Kontrollgruppen jungenhaft wild verhielten, weniger Interesse am Spiel mit Puppen zeigten und weniger Interesse daran zeigten, sich mit Säuglingen abzugeben, dafür aber Spielzeuge wie Autos oder Schußwaffen bevorzugten und lieber mit Jungen spielten.

Solche Ergebnisse legen nahe, dass das Geschlechtsrollenverhalten in der Kindheit von vorgeburtlichen (pränatalen) hormonellen Wirkgrößen beeinflusst wird; andere Befunde deuten darauf hin, dass die meisten Merkmale, in denen sich Jungen und Mädchen unterscheiden, aller Wahrscheinlichkeit nach kulturell bestimmt (determiniert, festgelegt) sind.

Schaut man sich z.B. das Erziehungsverhalten an, das zur Entwicklung von femininem Verhalten bei Jungen führt, sind Wirkfaktoren: Eltern, die gegenüber femininem Verhalten des Sohnes gleichgültig sind oder ihn dazu ermutigen; überbehütende Mutter, abwesender oder sich abweisend verhaltender Vater; kaum Jungen als Spielkameraden.
In Nachuntersuchungen einer Stichprobe solch femininer Jungen fand sich später ein hoher Prozentsatz an Bisexualität und Homosexualität. Allgemein lässt sich sagen, dass Verhaltensmuster, die eigentlich für das andere Geschlecht charakteristisch sind, verbinden sich oft, aber nicht notwendigerweise mit einer homosexuellen Objekt = Partnerwahl.

Die dominierenede Objekt(Partner)wahl

Die bevorzugten Idealbilder attraktiver, erregender Partner/innen leiten sich vermutlich aus Schemata (Mustern) ab, die nicht genetisch, sondern im Entwicklungsprozess im Gehirn angelegt sind und vor dem 9. Lebensjahr durch Umwelteinflüsse vervollständigt werden.

Noch immer scheint es in der westlichen Kultur weit verbreitete Widerstände zu geben, die Existenz einer kindlichen Sexualität zur Kenntnis zu nehmen. Kulturantropologisch (völkerkundlich) konnte gezeigt werden, dass Kinder, wenn derartige Tabus fehlen, spontan sexuelles Verhalten zeigen. Aber auch hierzulande lässt sich in Kindertagesstätten finden, dass Jungen etwa mit 6 – 7 Monaten und Mädchen mit 10 – 11 Monaten an ihren Genitalien herumzuspielen beginnen und dass das Masturbieren sich bei beiden Geschlechtern mach 15 – 16 Monaten durchgesetzt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus der Arbeiterklasse sich selbst befriedigen, ist doppelt so hoch wie bei Mittel-schichtkindern – was darauf hindeutet, dass Klassenstruktur und Milieu das Sexualverhalten beeinflussen.

Schon Säuglinge und Kleinkinder, wenn sie ihre Kern-Geschlechtsidentität und ihre Geschlechtsrollenidentität aufbauen, orientieren und identifizieren sich unbewusst nicht nur mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, sondern auch mit dem sexuellen Interesse dieses Elternteils am Partner.
Klinische Eindrücke belegen oft eindrucksvoll das wechselseitig verführerische Verhalten von Kind und Eltern.

Erinnerungsspuren, die sich unter besonderen Affektbedingungen bilden (wenn etwas emotional sehr berührt, intensiv erlebt wird), erhalten Kern-Schemata (Grundmuster) einer Interaktion (Welschelwirkung, Miteinander, Kooperation) zwischen der Selbstrepräsentanz (dem Selbstbild) des Kindes und der Objektrepräsentanz der Mutter (dem inneren Bild von der Mutter) unter dem Vorzeichen eines entweder lustvollen oder unangenehmen Affekts. Infolgedessen bauen sich zwei parallele, anfangs voneinander getrennte Stränge von Selbst- und Objektrepäsentanz auf,
Diese anfänglichen Vorstellungen von der guten bzw. der bösen Mutter (die zunächst wie zwei verschiedene Personen aufgespalten erlebt und noch nicht integriert sind) sind ebenso wie die Wahrnehmung eines lustvoll, guten oder schmerzhaft, böse Selbsterlebens, mit positiven und negativen Affektdispositionen (Veranlagung mit einem bestimmten Gefühl zu reagieren) gekoppelt.
Dies anfangs “nur-guten” oder “nur-bösen” Repräsentanzen (verinnerlichte Vorstellungen) vom Selbst und vom Anderen (Objekt) wird schließlich im Verlauf der Entwicklung zu einem Ganzen integrieret, so dass die bedeutenden Bezugspersonen und dann auch andere, wie ebenso man selbst, als sowohl-als-auch gut und böse erkannt und ausgehalten werden können. Die eigene Identität entwickelt sich also nicht nur aus der Identifikation mit einem bedeutsamen Objekt selbst, sondern wird vor allem aus der Identifizierung mit einer Beziehung zu dem Objekt aufgebaut. So identifizieren wir uns sowohl mit unserem Selbst wie auch mit dem Objekt unseres Begehrens.

Da sich z.B. der Junge als ein von seiner Mutter geliebter Junge erfährt, identifiziert er sich mit der Rolle des männlichen Jungen wie mit der Rolle der weiblichen Mutter. So erwirbt er die Fähigkeit, die Position seiner Selbstrepräsentanz (seiner Vorstellung von sich selbst) einzunehmen und zugleich die Repräsentanz der Mutter (das Bild der Mutter und ihrer Reaktion auf ihren Jungen) auf eine andere Frau zu projizieren (eigene Gefühle oder Vorstellungen anderen Personen zuschreiben); oder er lernt – unter bestimmten Bedingungen – in die Rolle der Mutter zu schlüpfen, während er seine Selbstreprästentanz auf einen anderen Mann projiziert (ähnlich, wie ein Bild mit einem Projektor auf einer hellen Wand abgebildet werden kann). Liegt das Schwergewicht der Ich-Identität auf der Selbstrepräsentanz als Junge, so ist sichergestellt, dass bei ihm die heterosexuelle Orientierung vorherrscht (und dass er in allen Frauen unbewusst nach der Mutter suchen wird). Überwiegt dagegen die Identifizierung mit der Mutterrepräsentanz, kann die Folge ein bestimmter Typus von Homosexualität beim Mann sein.

Beim Mädchen wird die Kern-Geschlechtsidentität durch die allererste Beziehung gefestigt, da sie sich in der Interaktion sowohl mit der eigenen wie auch mit der Rolle der Mutter identifizieren. Andererseits wird auch die unbewusste Identifizierung mit dem Vater durch den späteren Wunsch, den Vater als Liebesobjekt der Mutter zu ersetzen (dies in aller kindlichen Unschuld und Unwissenheit – aber in der Vorstellung, den Vater später zu heiraten und besser, allumfassender zu versorgen, als dies die Mutter tut). Diese innere Vorstellungsfigur wird durch das positive Wählen des Vaters (etwa im 4 – 5. Lebensjahr) in der ödipalen Beziehung stabilisiert.
Auch das Mädchen geht also eine unbewusste bisexuelle Identifizierung (Gleichsetzung) ein.
Da die Identifizierung sich nicht so sehr auf einen Menschen als vielmehr auf eine Beziehung richtet und im Unbewussten somit wechselseitig aufeinander bezogene Rollendispositionen aufgebaut werden, kann an davon ausgehen, dass die Bisexualität psychisch begründet ist.
Sie tritt in der Fähigkeit zutage, die Kern-Geschlechtsidentität zu erwerben und gleichzeitig sexuelles Interesse an einem anderen Menschen des anderen oder des eigenen Geschlechts zu entwickeln.

Intensität des sexuellen Verlangens

Bei diesem Thema sind die wissenschaftlichen Ergebnisse zu den biologischen Mechanismen relativ klar, von der sexuellen Appetenz (Verlangen nach sexueller Aktivität, sexuellen Phantasien, Tagträumen; Gefühl, sexuell zu jemandem anderen hingezogen zu sein) über das sexuelle Arousal (Erregung) bis zu Geschlechtsverkehr und Orgasmus; Orgasmus, der kann, aber nicht muss.
Ungewissheit herrscht dagegen nach wie vor über die Reize, die eine sexuelle Reaktion auslösen, und über die subjektive Qualität des Erregungserlebens. Bei Männern und Frauen sind zwar die physiologischen (körperlichen) Begleiterscheinungen bekannt, während über die psychologischen (seelischen) Ähnlichkeiten und Unterschiede weiterhin Uneinigkeit bei den WissenschaftlerInen besteht.
Dennoch kann man zusammenfassend feststellen, dass bei Menschen ein ausreichender Hormonspiegel zirkulierender männlicher Hormone eine Voraussetzung für die Fähigkeit zur sexuellen Reaktion zu sein scheint und somit das sexuelle Verlangen bei Männern wie bei Frauen beeinflusst. Bei normalen und erhöhten Hormonspiegeln aber sind sexuelles Verlangen und Verhalten erstaunlich unabhängig von hormonellen Schwankungen.
Beim Menschen ist der Faktor, von dem die Intensität des sexuellen Verlangens in erster Linie abhängt, kognitiver (verstandesmäßiger) Natur, und besteht im bewussten Wahrnehmen des sexuellen Interesses, das sich in sexuellen Phantasien, Erinnerungen, in einer erhöhten Aufmerksamkeit für sexuelle Reize niederschlägt und eine gesteigerte Aufmerksamkeit für verstärkende Reize umfasst, die für die eigene sexuelle Orientierung und das passende Sexualobjekt relativ spezifisch (passgenau) sind.
Das Erleben selbst ist nicht rein “kognitiv“, sondern enthält ein starkes affektives Element, so dass es in erster Linien ein gefühlsmäßig-bewusstes Erleben ist.

Physiologisch gesehen ist das affektive Gedächtnis an das limbische System gebunden, das das neuronale (nervliche) Substrat (Fundament) der Sexualität wie auch anderer Appetenzfunktionen (Lust haben auf) ist.
Untersuchungen an Tieren haben gezeigt, dass bestimmte limbische Regionen Erektion und Ejakulation steuern, dass es da sowohl anregende als auch hemmende Mechanismen gibt, die auf die sichtbare Erektionsreaktion einwirken.
Unter dem Einfluss eines emotionalen, sich bewusst sich sexuelles ausrichtenden Zustandes, mobilisiert das limbische System Kontrollzentren, die ein Anschwellen, Feuchtwerden und eine lokal erhöhte Empfindlichkeit der Geschlechts-organe bewirken – deren Gewahrwerden wiederum wird als verstärkendes Feedback (Signal) an das Gehirn geschickt. Es entsteht ein sich selbst verstärkender positiver Engelskreislauf; deren negative Variante Teufelskreislauf genannt wird. Aber all das sind beim Menschen lediglich “Bausteine” des Sexualtriebes, der Libido als ein übergreifendes Motivationssystem. Damit stellt es den Grundaffekt des komplexeren physiologischen Phänomens: des erotischen Begehrens, die in einer emotionalen Beziehung an ein spezifisches Objekt (einen besonderen Menschen, manchmal jedoch auch an besondere Dinge) gebunden ist.

Foto: Lindemann; u.a.
Quelle: Otto F. Kernberg, Liebesbeziehungen – Normalität und Pathologie, Klett-Cotta, 2014 – Übersetzung Christoph Trunk

Otto F. Kernberg ist Direktor des Personality Disorder Institute am New York-Presbyterian Hospital, Westchester Division und Professor für Psychiatrie am Weill Cornell Medical College, New York. Er war lange Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) und gilt als einer der bedeutendsten psychoanalytischen Forscher und Theoretiker.


Wie bewahrt man das Feuer in Langzeitbeziehungen?

Gerade in Zeiten des Lockdown und social distancing, wenn die Menschen in hohem Maße auf sich selbst zurückgeworfen sind, werden bei Paaren und in Familien Spannungen sichtbar.
Der Stress, ausgelöst durch die unberechenbare Bedrohung eines unsichtbaren Virus, das Gefühl von Kontrollverlust, die Bevormundung durch staatliche Stellen, die Sorge um liebe Verwandte und die bewusste wie unbewusste Reaktivierung von Kindheitsgefühlen, wie auch der Stress des engen aufeinander Hockens in der Wohnung, das nicht ausweichen können, lässt schnelle eine angespannte oder gar aggressive Stimmung entstehen – mit der konstruktiv oder destruktiv umgegangen werden kann.

Foto: Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59106427
Foto: Lindemann

Ja, manchmal sind Wegweiser – nicht nur in der “Mutter-Kind-Beziehung”, wie oben im Bild zur Wegführung an der Baustelle an der Sporthalle in Rodheim zu sehen –  sehr hilfreich,
insbesondere in Zeiten, die sich anfühlen wie Baustellen …
und Langzeitbeziehungen sind Dauerbaustellen …
allerdings meist ohne die beruhigenden Hinweisschilder, die einen „an der Hand nehmen“
oder – wie inzwischen auf den Autobahnen zu sehen -: „in 5 km, in 3 km, in 1 km Ende der Baustelle“.

Sollte die Überschrift Ihre Neugier geweckt haben,
stellen Sie sich auch beim Lesen dieses Textes auf eine längere Dauer ein.
Vielleicht aber lohnt es in besonderer Weise, einen Text oder eine fremde Person in vielerlei Facetten kennenzulernen und sich Zeit füreinander zu nehmen; nicht zu schnell aufzugeben, etwas miteinander durchzuarbeiten (wie die Psychoanalytiker gerne sagen).
Immerhin ist es einen Gedanken wert, zu entdecken, wieso man sich mit gerade diesem Partner gerade diese Aufgabe für sein Leben gesucht hat. Gerade im “einander erkennen” steckt viel mehr, als der erste Eindruck herzugeben vermag.

In vielerlei Formen von Beziehungen strebt man nach Dauer und Vertrautheit.
Oftmals haben Paare vor, die Strecke bis zum Ende zusammenzubleiben … und da soll das Ende nicht schon nach 5 km bzw. 5 Jahren erreicht werden.
Allerdings stellen sich weder Lust noch Frust von alleine ein …
realistisch gesehen, sagt die Scheidungsstatistik, dass die meisten Ehen nach 6 Jahren Ehedauer geschieden werden und die durchschnittliche Ehedauer bei 15 Jahren liegt. (Quelle: www.scheidung.de)

Zwar ist – positiv gesehen – Instabilität eine notwendige Bedingung für Bewegung und Entwicklung,
doch zugleich braucht es dabei eine hinreichende Stabilität, um sich auf das Abenteuer von Veränderung einzulassen. Andernfalls kann eine Konstruktion leicht in die Brüche gehen.
Es ist wie beim Treppensteigen: steht das Standbein stabil, lässt sich mit dem Spielbein eine neue Stufe erklimmen. Findet das Spielbein dort festen Halt, kann das Standbein zum Spielbein für eine weitere Entwicklung werden, usw. usw. – mit den eigenen Beinen.
Ähnlich: hat die Beziehung stabile, verlässliche Grenzen, gerät erkundende Spiel nicht so leicht in gefährliche Fahrwasser. Dennoch erscheint, wie es so schön heißt, “das Gras auf der anderen Seite grüner” – zumindest für eine anfängliche Weile.
Gelingt es, dieses Spannungsfeld in eine tragfähige Balance zu bringen, kann sich eine Beziehung dauerhaft entwickeln … auch wenn die Beteiligten nicht immer im gleichen Tempo unterwegs sind.

Nein, eine Paartherapie (als sinnvolle und intelligente Fortbildungsmaßnahme – die Paare sich häufig viel zu spät gönnen) soll nicht immer nur sicherstellen, dass die Leute zusammenbleiben.
Vielmehr geht es darum, dass Menschen verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, dass neue Perspektiven ausgeleuchtet werden, die ein andres Verständnis in Zusammenhänge und Wechselwirkungen erlauben, die Wachstum ermöglichen und die, im Fall der Fälle, helfen, mögliche Schäden minimal zu halten.

Früher baute die Institution Ehe sehr lange auf “bis der Tod Euch scheidet”.
Heute währt die Ehe meist so lange, bis die Liebe stirbt.

Als die Leute früher “für immer” sagten, sind sie in ihren Vierzigern, Fünfzigern, Sechzigern gestorben.
Heute erleben viele die achtziger und neunziger Jahrgänge.
Zudem ist die ökonomische Abhängigkeit von Frauen meist nicht mehr gegeben, so dass sie sich nicht mehr mit allem arrangieren müssen. Sie erleben sich nicht mehr als Eigentum ihres Mannes und auch die Frage, woher die Kinder kommen, muss nicht mehr durch Einsperren der Frauen sichergestellt werden.
So werden heute die meisten Scheidungen von Frauen initiiert.

In einer Paartherapie schaut man immer danach, was dies und das bedeutet und wie es miteinander zusammenhängt, wie es in der Beziehung wechselwirkt und wohin das dann möglicherweise führt oder was es – zumindest in der Phantasie – für Auswirkungen hat.
Denn wenn die Beziehung nicht glücklich ist, bleibt die Familie heutzutage vermehrt nicht intakt.
Früher konnte das Paar unglaublich unglücklich sein, konnte es im Zusammenleben gewalttätig, missbräuchlich zugehen – das Paar hätte sich nicht getrennt … schon allein, weil die Familienorganisation das Paar brauchte und die gesellschaftlichen Hürden hoch waren.
Wir hatten ja mal Ehen, in der man viele Kinder brauchte, um das Feld zu bestellen, um die ökonomische Sicherheit für die Familie zu gewährleisten.
Dann hatten wir das Bild der romantischen Ehe, in der man Zugehörigkeit sucht, eine Verbindung. Und weil man Kinder nicht mehr zu Fortbestand und zum Arbeiten brauchte, hatte man nur wenige Kinder – und hatte Sex aus Lust und Leidenschaft.
Heute geht es in der Ehe, in Beziehungen allgemein, um Identität: “ich will, dass mir mein Partner dabei hilft, die beste Version meiner selbst zu werden.” Außerdem hat man sich heutzutage bereits “die Hörner abgestoßen” und verbindet sich etwa 10 Jahre später, als vor 50 Jahren. Man sucht – mitten in einer konsumorientierten Welt – einen Seelenverwandten, jemanden, mit dem man sich versteht, der die gleiche Sprache spricht, der das eigene Weltbild bestätigt. Denn in dieser Zeit sind Paar so isoliert, wie nie zuvor. Zudem gibt es – u.a. zwei Weltkriegen geschuldet – kaum Vorbilder, an denen man authentisches Verhalten und kooperatives Miteinander oder erfolgreiches, glückliches Zusammenleben lernen kann. Zu viele Menschen tragen unbewusst noch an Wunden (auch an denen der Vorgeneration), die sie in Verdrängung zu halten suchen und es gibt inzwischen zu viele “broken homes”, die idealistische Erwartungen sprießen lassen, die ebenfalls nur in die Wiederholung des Scheiterns führen.

Immerhin ist biologisch vorgegeben, dass man ein Verlangen nach jemand anderem entwickelt.
An der Ausgestaltung dieses Verlangens kann man moderne Beziehungen erkennen.
Über all in der Mediengesellschaft wird suggeriert, dass es bestimmt besseres gäbe, als das, was man gerade hat oder wo man gerade ist oder mit wem man gerade ist.
Überall auf der Welt ist es daher ähnlich mit der Untreue.

Allerdings geht man in anderen Teilen der Welt anders damit um, als z.B. in Europa.
Amerikaner z.B. moralisieren Untreue typischerweise. Sie erleben einen Seitensprung als moralischer Verrat an ehernen (religiösen) Werten.
In Europa zählt Untreue als der ultimative Betrug in und an der Beziehung oder Ehe. Denn sie besiegelte die Verbindung mit seinem Seelenverwandten, was – oft unbewusst – mit einem stillen Anspruch auf Alleinbesitz einhergeht und zudem das Gefühl, etwas besonderes zu sein. Durch die/den Dritten wird diese Illusion zerstört. Die Ent-Täuschung ist groß: das “Soll”, die Vorstellung, wurde vom “Ist”, von der Realität, eingeholt und auf die Füße gestellt.

Hatten früher viele Menschen in der Ehe den allerersten Sex und kannten unter dem Postulat der Monogamie auch nichts anderes, hatte man heute vor der Ehe meist schon Sex mit vielen anderen. Monogamie bedeutet heute also etwas anderes als früher: nämlich nach vielen anderen mit nur noch einem Partner zu schlafen.
Den kann man sich heute aussuchen: “Ich suche mir diese Person aus und kümmere mich nicht mehr um die anderen. Ich bin die/der Auserwählte, etwas ganz besonderes.”

Psychologisch gesehen spielen hier also – heutzutage in besonderer Weise – u.a. sehr frühe narzisstische Bedürfnisse nach Bestätigung, Besonderheit und das Erleben einer vermeintlichen Größe eine große Rolle – während man ja als Kleinkind real noch ganz klein ist und lediglich wenig von der Welt kennt. Da lassen sich phantastische Vorstellungen leicht mit der Realität verwechseln.
In einer Partnerschaft werden diese Bedürfnisse und Vorstellungen reaktiviert und “befriedigt”.
Zugleich aber überfordern diese Anforderungen auf Dauer das Gegenüber und rufen Fluchtimpulse oder Aggressionen hervor. Entsprechend tauchen Kinderängste auf, verlassen zu werden und damit lebensbedroht zu sein, die bei einem Erwachsenen irrational erscheinen.
Das erklärt jedoch, warum die Zerstörung dieser Illusion, ein so immenses katastrophisches Erleben hervorruft. In dieser Stresssituation werden ganz archaische Überlebensinstinkte aktiviert, so dass klares, vernunftbetontes Denken kaum möglich ist. Dies zumindest bei fehlendem Abstand und beruhigter Seele, die Perspektivenwechsel und Reflektion zulässt.
Zum anderen werden in einem Dreieck sofort alte Erinnerungen an das Erleben in der triangulären Beziehung mit den Eltern wach gerufen. Oft war da das Kind der ausgeschlossene Dritte; oder schlimmer noch: ein Elternteil wurde ausgegrenzt und Verhältnisse geschaffen, die eine für ein Kind überfordernde, aber Größenphantasien stärkende, die Generationengrenzen verwischende Situation erschufen.
Da hilft häufig ein weiteres Augenpaar, das andere Aspekte erkennen und benennen kann, das nicht parteiisch auf die Situation blickt oder moralische Werte über die Personen stellt, die hilft, das jeweilige Handeln im Kontext zu verstehen.

Es gibt immer einen Grund für unser Handeln – ob nun bewusst oder unbewusst.
Und unser Tun hat immer eine tiefe Bedeutung.
Affären sind Geschichten, One-Night-Stands sind Geschichten, sogar Hit-and-Run-Sex hat eine Bedeutung – in dem Fall die angebliche, dass sie bedeutungslos seien.
Es gibt keine menschliche Interaktion ohne Bedeutung!

Daher geht es in guten Paargesprächen oder in Paartherapien nicht so sehr um die Fakten: “wer hat was wann mit wem wie gemacht”, sondern um die Bedeutungsgebung, die der Handelnde dafür konstruiert.
Der/die Handelnde ist dabei sowohl “die/der Täter” als auch die/das “Opfer” seiner Sicht der Dinge.
Zudem sind es die Wechselwirkungen der Interaktionen und auch Umgebungsfaktoren spielen hier eine bedeutsame Rolle, die es zu bedenken gilt.

Ereignisse sind einfach Ereignisse / Fakten.
Ihre Bedeutung erlangen sie durch die Art unserer Einordnung in ein Bild, das wir selbst zeichnen, …
… indem wir bestimmte Aspekte wahrnehmen und andere nicht; durch die Art, wie wir etwas betonen, bewerten und durch die Worte, mit denen wir beschreiben, was für uns selbst (aber auch für unsere Umgebung) wichtig/bedeutsam ist und/oder auch als sinnvoll verstanden wird.

Um dahinter zu steigen, fragen wir uns:
“Was sagt uns dieses Erleben, Fühlen, Denken, Verhalten, ja auch diese Affäre, über die Person, diese Kultur, diesen Moment in diesem Leben und über den Entwicklungsstand in dieser Beziehung?”

Hier zeigt sich ein großer Vorteil von Langzeitbeziehungen, in denen die Beteiligten sich und die jeweilige eigene Geschichte und die des Partners gut kennen. Da muss dann nicht mehr alles persönlich genommen werden; da können Zuordnungen angeboten und Verwechslungen angesprochen werden, die aufklärend wirken. Solche Erkenntnisse sind zum Teil schmerzhaft, wie sie auch Nähe erzeugen, da man sich als Entlarvter eben peinlich berührt, aber auch gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen kann.

Eine Beziehung, in der jemand eine Affäre hat, in der jemand geliebt werden möchte, kann kaputt sein – sie kann aber auch gerettet werden.
Interessanterweise ist Einsamkeit einer der häufigsten Antriebskräfte, sich anders zu orientieren.
Einige Seitensprünge, Bordellbesuche, Pornoseitenaufrufe finden ihre Bedeutung in der Unzufriedenheit mit der Beziehung: in Jahren von emotionaler Abweisung, gefühlter Abwertung, in differenten sexuellen Interessen, in Jahren von sexueller Dürre (z.B. wenn die Kinder klein sind), in jahrelangem gegenseitigen Ignorieren, in Jahren fehlender Kommunikation und Verbindung.
Es kann ein Schrei nach Hilfe, nach Beachtung und Weiterentwicklung sein.
Es kann aber auch eine Erkenntnis sein: Ich wusste gar nicht, dass das Leben anders sein kann, dass es einen Menschen gibt, der lieb zu mir ist, dass ich keinen Schmerz beim Sex haben muss, dass ich mich von jemandem begeht fühlen kann, dass es jemanden gibt, der zärtlich ist, großzügig und will, dass ich mich wohlfühle, dass es jemanden gibt, der mich nicht beständig kritisiert oder auch an mir selbst erkenne, dass ich den anderen für blöd hielt, weil er mich liebt, obwohl ich mich selbst für nicht liebenswert erachte.

Oft geht es gar nicht darum, dass Menschen wissen wollen, was auf der anderen Seite ist.
Vielmehr bemerken sie zum ersten Mal: es gibt eine andere Seite.
Aber auch die Frage: “Wie gestalte ich die zweite Hälfte meines Lebens?” lässt grundsätzliche Fragen aufkommen.

Wenn man dann nicht mit dem Partner als auch bestem Freund darüber reden kann und offen seine Ängste, Wünsche und Phantasien auszudrücken vermag, wird das Heil oft andernorts gesucht.

Lange gingen wir davon aus, dass Affären ein Zeichen für gestörte Menschen und gestörte Beziehungen sind … und dass deswegen die Beziehungen enden müssten.
Dabei lässt sich gut erkennen, dass, wenn Menschen über Affären oder diesbezügliche Phantasien reden, reden sie über zwei Personen – das Paar. (siehe z.B. Wir sind immer zwei Seiten einer Geschichte.)
Interessanterweise ist in solchen Gesprächen die dritte Person häufig gar nicht Teil der Geschichte.

Und wenn man sich dann interessiert: “Seid ihr früher schon mal mit dem Thema in Berührung gekommen?“,
entweder, weil ihr Kind eines Elternteils seid, der Affären hatte, oder eines Elternteils, der weggegangen ist, oder weil ihr selbst das Kind seid, das in einer Affäre entstanden ist, oder weil ihr Freund oder Freundin seid, an deren Schulter sich jemand ausgeweint hat, oder, weil ihr selbst diese dritte Person seid?
Dann zeigen sich ganz neue Seiten, von denen man sich im Nachgang vielleicht wie versklavt fühlt, weil man nichts ahnend nachgeäfft hat, was man andernorts nicht verstanden hat.

Denn schätzungsweise 85 % der Menschen sind von dieser Thematik irgendwie betroffen, haben aber nie einen Gedanken daran verschwendet.
Jedoch: was man nicht weiß und sieht, darüber stolpert man eher, als über das, was man ins Bewusstsein geholt und verarbeitet hat.
Das betrifft natürlich auch “die Stadien” einer Ehe / einer Langzeitbeziehung.
Für mich ähnelt die Entwicklung einer Beziehung der eines Einzelmenschen: am Anfang müssen wir ganz nahe sein, brauchen viel Hautkontakt, um uns sicher in der Welt / in der Beziehung zu fühlen, um Urvertrauen aufzubauen. Allmählich gewinnt dann der Pol der Eigenständigkeit wieder mehr Gewicht.
Die Entwicklungen der Einzelnen gehen nach unterschiedlichen Uhren, die im Gespräch und im nahen Miteinander immer wieder synchronisiert werden müssen.

Um also eine Langzeitbeziehung lebendig zu halten,
müssen Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, Dominanz und Unterordnung, Kontrolle und Freiheit, Begehren und Vertrauen, Überraschung und Vertrautes, Risiko und Sicherheit immer wieder eine passend austarierte Balance finden.
Es braucht Selbstgewahrsein und authentische Offenheit sowie den Mut, sich zu zeigen und zuzumuten, wie auch die Kraft, das vom Partner gezeigte anzunehmen, zu diskutieren und Kompromisse zu finden, die für beide lebbar sind.
Das braucht oft Zeit, die man einander im Miteinander geben sollte, bis die rechte Lösung gefunden ist. Vorher sollte niemand Vorpreschen und aktiv werden.
Wie gesagt, in Beziehung sind wir immer nur die eine Seite eines größeren Ganzen.

Dabei ist es durchaus wichtig egoistisch zu sein. Denn – so erkläre ich es in meinen Therapien immer -, wenn ich egoistischer Weise dicke Kartoffeln ernten möchte, muss ich meinen Acker bestellen und pflegen. Denn nur wenn es meiner Umgebung gut geht, kann es mir dort auch gut gehen.
Oft wird Egoismus (der immer den ganzen Kreislauf in Blick hat) mit Egozentrik verwechselt. Dabei geht es allein um mich, die anderen sind mir egal. Diese Form der Ausbeutung funktioniert eine Weile, doch bald wird die Ernte geringer ausfallen und die Menschen um mich herum werden mich meiden. Niemand möchte ausgenutzt werden.

Untreue ist massiv egozentrisch.
Etwas nur für mich zu machen; z.B. Untreu sein, kann ein wichtiger Schritt sein, um sich seiner Selbst zu vergewissern, oder um sich aus einer zu engen Beziehung zu lösen.
Das kann sogar für eine Beziehung ganz wichtig sein, denn nur getrennt kann man sich aufeinander beziehen und eine Beziehung führen. Macht man alles zusammen, verschwimmen die Grenzen.
Ein idealer Zustand, den man sonst gelegentlich beim Sex miteinander erreicht oder wenn beim gemeinsamen Tun ein Gefühl von Flow eintritt und sich bald wieder auflöst, wird “Normal” und zerstört alles Spannende und die Beziehung, die keine Bezug mehr nehmen kann.

Vertrauen geht nur unabhängig von Gewissheit.
Untreue ist das Mal, insbesondere für Frauen, dass sie sich nicht sorgen müssen, schon wieder etwas für andere Menschen zu tun. Es ist eine Erfahrung von Freiheit – und dann – auf dem Fuße folgend – eben auch von Zerstörung, unwiederbringlicher Zerstörung von Ur-Vertrauen …
… was nicht heißen soll, dass Vertrauen nicht wieder aufgebaut werden kann.
Das aber muss man sich dann redlich verdienen; und dieses neue Vertrauen ist nicht mehr das unschuldige, naive Geschenk des Anfangs, es ist ein bewusstes und gewolltes Schenken, eine Entscheidung.
Es ist ja durchaus oft so, dass der/die Seitenspringer /in den/die Partner/in verlassen wollte, sondern ganz gezielt die Person, die man selbst im Laufe der Zeit geworden ist.
So gesehen ist Untreue zum Teil ein Akt der Selbstfürsorge, wie er eben auch Betrug an der Verabredung mit dem Partner ist.
Es geht ja in einer Langzeitbeziehung beständig darum, was ich im Miteinander für mich getan habe und was ich ich dir damit angetan habe; wie es mit der Balance von “Ich”, “Du” und “Wir” aussieht?
Es ist immer ein Balanceakt von mehr oder weniger und immer eine doppelte Geschichte.

Ein wichtiger Punkt, ich hatte es oben bereits erwähnt, ist unsere Sprache, die wir im Umgang miteinander pflegen.
Denn wir denken in Bildern und Text und der ruft wiederum Bilder und Gefühle und Phantasien hervor, die dann von uns und anderen als realitätsähnlich behandelt werden.
Die Art, wie wir etwas formulieren, ist also die Art, wie die Information in unserem Denken und Fühlen abgespeichert wird.
An diesem, unserem ganz persönlichen Abbild von der Welt orientieren wir uns im Alltag.
Was dort im inneren Bild eingetragen wird, existiert in unserem Bewusstsein – oder nicht.
So ruft z.B. der Satz: “ich habe mich sexy gefühlt” andere Assoziationen und Gefühlszustände hervor, als “ich habe mich lebendig gefühlt”.
Und es macht einen Unterschied der einen erheblichen Unterschied macht, ob wir z.B. in “Es”, “Ich”, “Wir” oder gar in “man” oder “die anderen” reden, ob wir damit Abhängigkeit und Opferrolle oder Eigenverantwortung und Täter-Macht, die Kraft des Handelns – so oder so -, organisieren.

Sexualität ist wie eine Linse, um Gesellschaften und Kulturen zu verstehen: ihre Werte, ihre Einstellungen gegenüber Frauen und Kindern, gegenüber Vergnügen und Fleisch.
Dabei ist es weniger interessant, wie oft Menschen Sex haben oder zumindest behaupten, Sex zu haben oder wie viele Orgasmen angegeben werden, sondern von Interesse ist, was Sexualität heute repräsentiert und was Erotik bedeutet.

Menschen wollen sich in Beziehungen lebendig spüren, wollen Freiheit und Neugier befriedigen.
Was sich wie Gefängnis anfühlt ist das Gegenteil davon.

Oft kommen Menschen in meine Praxis die 10, 20 oder 30 Jahr treu und monogam waren und plötzlich überschreiten sie eine Grenze, von der sie selbst niemals gedacht hätten, dass sie sie überschreiten.

Was bringt Menschen dazu, das zu riskieren, was sie sich über viele Jahre aufgebaut haben?
Oft ist es ein Schrei nach Leben: “Ich habe mich immer um andere gekümmert, und nun bin ich einsam.
Ich will einmal im Leben etwas anderes erleben, und ich weiß gar nicht wie sich das anfühlt.”
Dieses Bestreben, diese Selbsterkenntnis, solche Untreue muss ja nicht das Ende einer Beziehung sein.
Meist sind diese inszenierten Krisen der Anfang von intensiven Gesprächen – die es allzu oft lange nicht mehr gab.
Eine tiefe Kriese, die vielleicht über lange Zeit kompensiert, verleugnet oder mit Aufgaben zugedeckt war, wird nun deutlich. Eine Krise ist immer auch eine Chance und das Paar muss schauen, ob sie diese Kriese gemeinsam überstehen kann, ob es etwas damit anfangen kann, was die Krise lehrt.

Monogamie ist ein soziales Konstrukt.
Es wurde in der Geschichte meist Frauen auferlegt, aus wirtschaftlichen oder patriarchalen Gründen. Es hatte nie mit Liebe zu tun, und heute hat alles mit Liebe zu tun.
Entsprechend verhandeln Menschen dauernd über Monogamie, über Einzigartigkeit, über Individualität.
Das ist jedoch nur der eine Pol, der da betont wird. Die andere Seite ist der Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Wertschätzung, Wärme, Sicherheit, Verbundenheit, Treue, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit in einer Welt, die immer unüberschauberer, medialer (vermittelter statt unmittelbar begreiflich) und globaler geworden ist.
Aber selbst wenn man über Masturbation spricht geht es um Monogamie.
Für die meisten ist dies seit der Pubertät ein Teil der eigenen Sexualität. Die Idee, dass jemand kommt und sagt: “Jetzt, da wir zusammen sind, darfst du das nicht mehr machen”, ist unvorstellbar. Auch in einer Beziehung braucht es eigenes! … nicht nur in Bereich der Sexualität.

Aber wenn jemand kritisiert: “anderen gegenüber bist du viel aufmerksamer, als mir gegenüber”, dann steckt dahinter ein Wunsch. Hinter jeder Kritik steckt ein Wunsch!
Wenn der bewusst wäre und ausgedrückt werden würde, wäre das Leben oft leichter.
“ich hätte gerne mehr Aufmerksamkeit von dir. Wenn du mit den Kindern spielst, bist du witzig, verspielt, liebevoll. Wenn du dich um unsere Gäste kümmerst, bist du aufmerksam, fokussiert, hängst nicht gleichzeitig am Telefon. Du gibst dein Bestes, und dann bringst du die Reste mit nach Hause.”
Viele Paare leben von den Resten.
Das Beste geht an die Kinder, an Freunde, an Kunden und Kollegen.
Fast selbstverständlich gilt die Vorstellung, dass eine Beziehung überlebt wie ein Kaktus.
Also: wenn sie 10 % der Kreativität und Einfallsreichtum, die sie in ihre Affäre stecken, ihre Ehe widmen würden, ginge es ihre Ehe deutlich besser.

Wenn eine Affäre entdeckt wird oder sie danach gefragt werden, seien sie ehrlich.
Denn an der Stelle wiegen Lügen schwer; wirken wie doppelter Betrug.
Wenn eine Affäre herauskommt, verursacht sie bei dem anderen manchmal einen enormen Schmerz und berührt ihn in seinem Innersten … wegen der Erwartungen: “Weil ich dachte, du könntest so etwas niemals tun. Weil mein Vater es mein ganzes Leben lang getan hat. Weil ich ohnehin schon dachte, dass ich nicht attraktiv bin und du es jetzt bestätigt hast.”
Solche Enttäuschung – das Aufdecken und Loswerden einer Täuschung / Illusion – wirkt oft verheerend. Das muss man verstehen und aushalten – beide!

Erst wenn der Konflikt / das Thema verstanden ist, kann es zu einer Lösung kommen.
Lassen Sie mich das kurz ein einem Beispiel erklären: wenn ein Gast ins Haus kommt und etwas trinken möchte, kann man losziehen und etwas holen. Ohne dass aber klar ist, ob der Gast Durst hat und ein Wasser möchte, ob er unterzuckert ist und ein süßes Getränk braucht oder Geselligkeit sucht und dabei Kaffee, Tee oder etwas alkoholisches bevorzugt, all das beeinflusst, ob eine passende und gute Lösung gefunden wird.

Nach einer Weile, wenn der erste Schock überwunden ist und man wieder nüchtern denken kann, kann man auf der Basis der tatsächlichen Realität schauen, an welchem Punkt man steht.
Für den Betrogenen ist es auch ein Wertverlust.
Daher taucht immer wieder die Frage auf, ob man das wiedergutmachen kann.
Manchmal hat der Partner eine Idee, was für ihn angemessen wäre.
Manchmal kann und will man diesen Preis zahlen, oft bleibt es etwas, das in der Phantasie funktioniert. In der Praxis des Erlebens ist es jedoch oft anders.
Vermutlich ist der brauchbare Weg, den Verlust zu betrauern und zu sehen, was man mit den vorhandenen und verbliebenen Ressourcen anfangen kann.
Es ist ja immer nur die Frage, was wir aus den Gegebenheiten machen. Denn, wie schon gesagt, werden die Ereignisse erst durch unsere Bewertung zu dem, was sie dann an Wirkung auf uns entfalten.

Ja, Ehrlichkeit kann grausam sein.
Doch nicht immer steht die Reaktion des Betrogenen im Verhältnis zur Schwere der Grenzüberschreitung. Manche reagieren auf einen One-Night-Stand, als handele es sich um eine 10 Jahre währende Affäre. Andere reagieren auf eine mehrjährige Affäre mit sehr viel Fassung.
Es ist immer eine kompliziert Frage, ob man es sagen soll oder nicht.
Sein Gewissen zu erleichtern, ist keine gute Motivation.
Sie bürdet dem Partner möglicherweise etwas auf, das nur marginal etwas mit ihr/ihm zu tun hat.
Es ist also genau zu prüfen, was Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln bedeutet.
In einer Beziehung muss man nicht immer alles teilen . Für manche Dinge muss man ganz allein in die Hölle.
Ist die Aktion jedoch mit einem Beziehungsthema verknüpft, kann das Problem nur gemeinsam gelöst werden. Auch die Verschiebung auf einen anderen Partner wird hier in der Regel nur einen zeitlichen Aufschub bedeuten.
In jedem Fall sollte klar werden, dass man sich jetzt und folgend um seine Beziehung kümmern muss, um sie lebendig und glücklich zu gestalten.
Ohne Sähen keine Ernte, ohne Investment, kein Gewinn!
Erfolg ist dabei nicht vorhersehbar und schon gar nicht garantiert.

Vielleicht kann man eines Tage, während man ruhig zusammensitzt, fragen:
“Gibt es Dinge, die du mir nie erzählt hast?”
“Wollen wir diese wirklich wissen, oder belassen wir es dabei, dass wir es gut miteinander haben?”

In der honey-moon-phase kann man sich kaum vorstellen, dass diese Themen einmal wichtig werden. Aber das Leben ist lang, die Interessen entwickeln sich und die Einzelnen legen innerhalb einer Beziehung ein unterschiedliches Tempo vor. Das kann zu Ungeduld und Hoffnungslosigkeit führen.
Daher sind regelmäßige Themenabende ohne Störung sehr hilfreich – ohne oder mit therapeutischer Unterstützung.
So lernen Paare über Herpes zu sprechen, über SaferSex, über Wünsche und Befürchtungen, über Kinder und Erziehungs- oder Lebensvorstellungen.
Wenn sie lernen in guter, respektvoller, ruhiger und verständnisvoller Weise miteinander zu sprechen und einander zuzuhören, sind sie gut vorbereitet, Krisensituationen gemeinsam aufzufangen.
Die werden kommen … und gehen.
Jede bewältigte Gefahr bringt Selbstvertrauen und Vertrauen in das “Wir”.

Zudem lässt sich dann auch mit Freunden darüber reden:
“Wenn ich deinen Partner mit einem anderen sehen würde, würdest du wollen, dass ich es dir sage?
Welche Art von Freund oder Freundin soll ich sein?”
Denn Untreue ist systemisch, sie ist gesellschaftlich, sie dreht sich nicht nur um zwei Menschen.
Das ist eine soziale Frage,


Quelle und vor allem Anregung: Interview von Johanna Dürrholz und Felix Hooß mit Esther Perel, gleichnamigre Titel in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. 7. 2020
sowie eigene Eindrücke aus Paartherapien

Das Paar im Gespräch – Regeln für Zwiegespräche

die Regeln im Zwiegespräch (ob mit Partner/in oder Arbeitskollege/kollegin vorab hier ganz knapp:

  1. keine Fragen.
  2. keine Ratschläge.
  3. Jeder redet nur über sich.
  4. Wer redet, darf immer ausreden und wird nicht unterbrochen.
  5. Schweigen ist erlaubt. Es besteht kein Zwang zur Offenbarung!
  • Zwiegespräche sollten verbindlich verabredet werden.

Nur dann kann man Widerstand erkennen; ebenso wie man an der Grenze der verabredeten Zeit sehen kann, welche Themen, um die eigene Angst zu regulieren, erst kurz vor Schluss auf den Tisch kommen und erst in der nächsten Woche weiter verfolgt werden können.

  • Zwiegespräche brauchen wenigstens einmal in der Woche anderthalb Stunden ungestörte Zeit.

Die Regelmäßigkeit ist das Geheimnis ihres Erfolges. So geht der rote Faden (des gemeinsamen Unbewussten eines Paares) nicht verloren.

(9/10 unseres Wissens wissen wir nicht; ist implizit, unbewusst. Nur 1/10 unserer Eindrücke werden uns bewusst, sind explizites Wissen.)

  • Jeder spricht über das, was ihn bewegt: wie er sich, den anderen, die Beziehung und sein Leben erlebt.

Jeder bleibt bei sich. Das Gespräch hat kein anderes Thema, es ist offen.

  • Reden und Zuhören sollten möglichst gleich verteilt sein.

Schweigen und Schweigenlassen, wenn es sich ergibt.
Auch dabei können sich klärende Eindrücke entwickeln, meist schweigt das Gehirn ja nicht und im Schweigen hat man Zeit, sich etwas durch den Kopf gehen zu lassen.

Ausgeschlossen sind:

  • Bohrende Fragen,
  • drängen,
  • Kolonialisierungsversuche
    (d.h. sich den anderen einverleiben, z.B. mit „Wir“-Formulierungen oder durch Vorschriften machen; ihn also letztlich als Gegenüber, Andersartig und Eigenständig auslöschen).

Zwiegespräche sind kein Zwang zur Offenbarung. Jeder entscheidet für sich, was und wie viel er sagen mag. Beide lernen durch Erfahrung, dass größtmögliche Offenheit am weitesten führt.

Sich wechselseitig einfühlbar zu machen ist das erste Ziel der wesentlichen Gespräche.
Nur so kann einer das Andere im Anderen wirklich miterleben.
Wenn uns das gelingt, beginnen wir zu begreifen, was eine Beziehung sein kann.

Wenn beide für dieses Setting (engl. Rahmen) sorgen, sorgt es seinerseits für alles.
Vor allem garantiert es die unbewusste Selbstregulation der Entwicklung zu zweit.

Quelle: Michael Lucas Möller: Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch. Rowohlt, 1990,2002